Originaltitel: Der Amerikanische Freund
Deutschland, Frankreich, 1977
Kinostart: 24.06.1977 (FSK: 16)
ca. 127 Min.
Thriller
Der todkranke Hamburger Bilderrahmer Jonathan sorgt sich um die finanzielle Zukunft seiner Frau und ihres jungen Sohnes. Jonathans Zeit als Ernährer der Familie läuft spürbar ab, eine Heilung seines Leidens scheint fern. Da bietet ihm – dank der Jonathan unbekannten Vermittlung durch einen versoffenen amerikanischen Gangster namens Tom Ripley – ein zwielichtiger Franzose eine Viertelmillion für einen Mord. Bevor Jonathan noch weiß, wie ihm geschieht, steckt er mitten in einem Mafiakrieg, und Tom Ripley eilt ihm zu Hilfe.
„Vous etez jamais seul avec RTL“, schreit die Werbung von den Plakatwänden einer Pariser Metro-Station, doch der aus armen Verhältnissen stammende Hamburger Bilderrahmer Jonathan fühlt sich so allein wie nie zuvor. Gerade hat er, der fürsorgliche und liebende Familienvater, einen Mann erschossen, den er gar nicht kannte. Für Geld, das er braucht, um seine Familie auch nach seinem Ableben versorgt zu wissen. Denn Jonathan ist todkrank.
Und er ist noch mehr. Für Tom Ripley, den fleischgewordenen und in den deutschen Norden eingefallenen amerikanischen Alptraum (komplett mit Cowboyhut und GI-Attitüde), stellt der friedliebende Jonathan den perfekten Killer dar. Der Plan ist auch einfach zu perfekt: Jonathan ermordet jemanden, zu dem er keinerlei Bezug hat (und zu dem somit auch kein ermittelbarer Zusammenhang besteht) – und stirbt danach einfach selbst. Wo kein Mörder und kein Motiv, so Ripley, da kein Problem. Er, für den ethisch-moralische Fragen kein Thema darstellen, interessiert sich nicht für Jonathans Seelenleben und Ekel vor der eigenen Tat. Ripley sieht einen Mann, der Geld braucht, und bietet ihm im Austausch einen Job an, nicht mehr als das.
Dass dieser Job böse nach hinten losgeht – was nicht einmal an Jonathans Beteiligung, sondern an der selbst Ripley unbekannten Mafiazugehörigkeit des Mordopfers liegt –, ist aber dann selbst dem so charakterlosen „amerikanischen Freund“ zu viel. Irgendwo in dieser harten Schale aus Yankee-ismen und teflonbeschichteter Emotionslosigkeit regt sich etwas. Ist es Mit- oder gar Schuldgefühl, was Ripley schließlich einschreiten und ihn dem völlig überforderten Jonathan im Kampf gegen die italienischen Vergeltungsschläge helfen lässt? Vermutlich weiß er es selber nicht. „I’m confused“, gesteht er am Anfang des Streifens einem amerikanischen Kollegen.
„Confused“ waren wohl auch die Regisseure, die Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre mit Dennis Hopper arbeiteten, der in dieser Produktion in die Fußstapfen Alain Delons tritt und als zweiter Schauspieler (nach René Clements „Nur die Sonne war Zeuge“ von 1960) den zwielichtigen Antihelden Tom Ripley spielt, eine Figur aus den Romanen von Patricia Highsmith. Hopper galt zu dieser Zeit als schwierig, und war – so Regisseur Roland Klick, der 1983 mit Hopper und ebenfalls in Hamburg den grandiosen „White Star“ realisierte – ein logistisches Risiko am Set. Klick zufolge war der Darsteller so mit Alkohol, Drogen und dem Verprügeln seiner weiblichen Begleitung beschäftigt, dass er am Tag nur drei Stunden lang wirklich für Filmaufnahmen zu gebrauchen war. Was aber letztlich auf Zelluloid gebannt wurde, beweist schauspielerische Genialität. Hoppers Figur ist ein abgewrackter Taugenichts, ein alt werdender Überlebenskünstler ohne nennenswerte Bindungen und Prinzipien. Dieser Ripley, der sich (wie auch der Rest des Films) stark von der gleichnamigen Romanvorlage unterscheidet, agiert jenseits moralischer Beschränkungen und appliziert dieses für ihn natürliche Verhaltensmuster auch auf andere – daraus entsteht der Konflikt, der dem Film zugrunde liegt.
Wim Wenders und sein Kameramann Robby Müller bedienen sich nur rudimentär bei der Highsmith-Vorlage, übernehmen Handlungsorte und Figurenkonstellationen, lassen die ganze Ripley-Vorgeschichte aber außer Acht. Stattdessen präsentiert sich „Der amerikanische Freund“ als eine Art Städtefilm, bei dem Hamburg als realistisch-depressive Wirklichkeit und Paris, der Ort des Verbrechens, im bewussten Kontrast als futuristische Plastikwelt erscheint. Wo in Hamburgs Fischmarkt noch die alten Parolen an den Hauswänden hängen und „Rache für Holger Meins“ einfordern, verspricht in Paris die Reklame über den quietschbunten Plastikstühlen der U-Bahn die stetige Begleitung durch Radio Luxemburg. Und mittendrin Jonathan, quasi der Gefangene zwischen zwei Welten, der sich in der Folge selbst verliert.
„Der amerikanische Freund“ ist keine Romanverfilmung und auch kein klassischer Kriminalfilm. Er ist, wie so oft bei Wenders, Leinwandpoesie in Reinkultur.
Amerikaner schauen keine europäischen Filme. „Der amerikanische Freund“ ist bereits der zweite (und ebenfalls erfolgreiche) Film, der auf einer Ripley-Romanvorlage von Patricia Highsmith beruht, und dennoch sollte es bis 1999 dauern, bis Hollywood von der Figur Notiz nahm. Highsmiths Romanvorlage „Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund“ (auf Deutsch erschienen bei detebe), bei der sich Wenders nur anlehnt und eigene Wege geht, wurde 2002 nochmals verfilmt. Die italienische Regisseurin Liliana Cavani brachte den Stoff erneut auf die Leinwände, mit John Malkovich in der Hauptrolle. Cavani verlegte den Ort der Handlung nach Italien, blieb dem Roman aber treuer als Wenders.