Originaltitel: Presumed Innocent
USA, 1990
Kinostart: 13.12.1990 (FSK: 12)
ca. 127 Min.
Thriller
Rusty Sabich, ein angesehener Jurist im Stab des Bezirksstaatsanwalts Raymond Horgan, traut seinen Augen nicht, als er die brutal ermordete Leiche seiner einstigen Affäre Carolyn Polhemus sieht. Horgan beauftragt Sabich, den Fall zu übernehmen und schnell zu einer Verurteilung zu kommen, denn es ist Wahljahr und er braucht die Publicity. Als Horgan die Wahl verliert und die Nachricht über die einstmalige, und böse geendete, Beziehung zwischen Rusty und Carolyn bekannt wird, findet sich Sabich plötzlich als Hauptverdächtiger wieder. Wem in Kindle County kann er noch trauen?
In diesen Filmen ist alles Geschäft, alles eine Sache des Geldes. Vom Morgenkaffe im Büro bis zur Mordermittlung, vom Lunch im elitären Country Club bis zur Beweissichtung in der Gerichtsmedizin – es ist alles einerlei, alles Alltag. Auch Rusty Sabich kennt das Spiel, und er spielt es gut. Der Anwalt ist ein hohes Tier im Büro des Bezirksstaatsanwalts und kennt Kollegen, Gegner und Richter so gut, dass er einige Deals heraushauen kann, wo andere längst verzweifelt aufgeben würden. Sabich ist loyal, vertrauensvoll und ein rundherum toller Kerl, da kann man fragen, wen man will.
Doch Meinungen können sich ändern, mitunter sogar über Nacht. Nach dem äußerst brutalen Mord an Carolyn Polhemus, mit der Rusty vor Monaten eine intensive Affäre hatte, gerät seine Welt ins Wanken. Mit der Betreuung des Prozesses beauftragt, verliert sich Rusty in seinen Erinnerungen an die tote Kollegin und seiner noch immer existenten Sehnsucht nach ihrer Gesellschaft, ihrer Berührung. Und die Maschinerie läuft. Plötzlich wird Sabich selbst zum Alltag, zum Einerlei. Er ist auf einmal Mordverdächtiger Nummer Eins, und somit für alle anderen so belanglos, wie es die Schuldigen im Kindle County bisher für ihn waren. Nur ein falscher Schritt – und schon ist Rusty Sabich vom klaren Ton zum Hintergrundrauschen geworden.
Scott Turow ist einer dieser literarischen Anwälte. Der renommierte und berühmte Jurist aus Chicago befasst sich bereits seit seinen Studienjahren professionell mit der Schriftstellerei, pflegt zu ihr sogar eine längere Beziehung als zur Jura. Über sein erstes Jahr als Jura-Student schrieb und veröffentlichte Turow sogar einen Bericht in Buchform. „One L“, so sein Name, gilt seitdem als Situationsbeschreibung, in der sich bis heute die Erstsemester dieses Fachbereichs wiedererkennen. Der Titel spielt dabei auf den Handlungszeitraum an: das erste Jahr (one) im Rechtswesen (law).
Mit „Presumed Innocent“ publizierte Turow 1987 seinen ersten Roman und landete gleich einen Welthit, der auch thematisch ähnlich ausgerichteten Autorenkollegen wie John Grisham den Weg ebnete. 1990 verfilmte Regisseur Alan J. Pakula den Stoff mit absoluter Starbesetzung: Harrison Ford, Brian Dennehy und Greta Scacchi als vielleicht hübscheste Leiche der Filmgeschichte machten aus Turows packendem page turner ein Kinohighlight. Pakula adaptierte den Roman selbst, gemeinsam mit Drehbuchautor Frank Pierson. Nach „Presumed Innocent“ zog sich Pierson aber von der Schreibarbeit zurück und trat nur noch als Regisseur und Produzent in Erscheinung.
Turows Kindle County ist eine fiktive Region, ähnlich der Gegend, in der schon William Faulkner seine Romane spielen ließ. Recht und Gesetz sind hier ein Ideal, das durchzusetzen sich Männer (und Frauen) wie Rusty Sabich auf die Fahnen schreiben – und dafür mitunter einen hohen Preis zahlen müssen. Obwohl vielleicht kein Preis so hoch ist wie der, den Sabich hier löhnen muss. Und Turow achtet auf das Land, das er geschaffen hat. In den bisherigen acht Romanen des Autors taucht Kindle County immer wieder auf, gleiches gilt für dessen Personal: Die Nebenfigur des einen Romans mag schon im nächsten eine zentrale Rolle spielen. Für den Genuss des Films spielt dies aber kaum eine Rolle, lässt er sich doch ebenso gut als eigenständiges Kriminaldrama sehen.
Regisseur Alan J. Pakula kehrte drei Jahre später in die Welt der Anwaltsromane zurück. Er brachte „The Pelican Brief“ (Die Akte) als Regisseur und Produzent auf die Leinwand. Star dieser John-Grisham-Verfilmung war Julia Roberts. Trotz seines literarischen Erfolges arbeitet Scott Turow noch heute als Anwalt. Er ist Partner der Chicagoer Kanzlei Sonnenschein, Nath & Rosenthal. Die meisten Fälle betreut er aber pro bono, also honorarfrei. In die Schlagzeilen geriet der Anwalt Turow unter anderem, als er 1995 den unschuldig wegen Mordes verurteilten Häftling Alejandro Hernandez nach elf Jahren in der Todeszelle zurück in die Freiheit brachte. Sonnenschein, Nath & Rosenthal hat über 700 Angestellte und Filialen in vielen weiteren Städten, auch in Übersee. Greta Scacchi brachte 1998 einen weiteren Mann in Schwierigkeiten. Als Lady Macbeth trieb sie ihren Filmgatten Sean Pertwee zum Mord. Frisch zitiert: „Das Gesetz heilt nie die Wunden, die Morde verursachen. Die Verbrechen sind zu grausam, sie bedrohen uns und lösen Ängste aus. Man kann nicht auf das Justizsystem vertrauen, um davon geheilt zu werden. Es sind nur die tiefen Beziehungen zwischen Menschen, die darüber hinweg helfen können.“ – Scott Turow in einem Interview