| Review | | Zwölf Jahre brauchte James Cameron, um nach „Titanic“ einen neuen Film in die Kinos zu bringen. Nun ist er da: „Avatar“. Und natürlich ist „Avatar“ nicht einfach nur ein neuer Film. 230 Millionen Dollar hat er gekostet und er soll nicht weniger erreichen als das Kino zu revolutionieren, denn gedreht hat Cameron den Film in modernster 3-D-Technik, die es ihm ermöglicht hat, mit realen Schauspielern Effekte zu kreieren, wie sie das Kino noch nie zuvor präsentieren durfte.
Und, ist ihm die Revolution gelungen? Wird „Avatar“ die Kinobesitzer genau so glücklich machen wie „Titanic“ anno 1997? Die Antwort ist wohl eher ernüchternd: Nein! Selbstredend wird „Avatar“ ein Blockbuster. Die Erwartungen wurden durch eine intelligente Werbekampagne, zu der unter anderem Monate vor Filmstart ein kostenloser 20-Minuten-Kino-Preview gehörte, ordentlich geschürt. Und um eines klar zu sagen: Ein schlechter Film ist „Avatar“ nicht. „Avatar“ ist nicht „Star Wars – Episode 1“, der das Kino vor zehn Jahren revolutionieren wollte – und letztlich nur die alten Fans dazu animierte, ihre teuren Star-Wars-Actionfiguren im besten Fall auf dem Trödel zu verramschen (oder im schlechtesten Fall im Gelben Sack zu entsorgen). Cameron begeht nicht den Fehler ausschließlich auf Effekte zu setzen. Der Kanadier ist eben auch ein Geschichtenerzähler, der sich Zeit nimmt, um eine Handlung zu kreieren. Doch genau auf dieser Ebene unterläuft ihm ein überraschender Fauxpas: Er vergisst während der ersten Hälfte seines 160-Minuten-Epos Spannung aufzubauen. Oh, er liefert keinesfalls ein Kammerspiel ab, um sich die Effekte aufzusparen. Im Gegenteil: Er kreierte mit den ihm zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln eine Welt, wie sie das Kino sicher noch nie gesehen hat, eine Welt mit X verschiedenen Spezis, mit einer unfassbaren Vegetation, mit allem, was selbst den Amazonas wie ein Birkenwäldchen an einem Bahndamm erscheinen lässt. Das alleine wird dem Film einen Spezialeffekteoscar einbringen, andere Filme brauchen sich gar nicht erst nominieren lassen. Nur – Spannung kommt da selten auf.
Aber worum geht es eigentlich?
Im Jahr 2154 beutet ein Megakonzern einen fernen Planeten auf der Suche nach Rohstoffen aus. Auf dem Planeten leben die Na’vi, ein intelligentes, blauhäutiges, humanoides Volk. Da es politisch höchst unkorrekt wäre, die Na’vi einfach auszurotten – so etwas gibt eine schlechte Presse und ist für Aktienkurse schädlich – werden Avatare zu den Na’vi gesandt. Es werden Körper gezüchtet, die wie Na’vi aussehen und die die Na’vi erkunden sollen. Das Besondere an einem Avatar: In ihm lebt der Verstand eines Menschen. Der Mensch selbst liegt während seiner Verbindung mit dem Avatar in einer Art komatösem Zustand in einem Labor. Jake (Sam Worthington) ist ein querschnittsgelähmter Ex-Soldat, der den Job annimmt, mit einem Avatar zu verschmelzen, da er so einen voll funktionstüchtigen Körper erhält. Ihn interessieren die Na’vi nicht. Bis er während seiner ersten Expedition fast sein Leben verliert und von der Na’vi Neytiri (Zoë Saldana) gerettet wird. Je näher er den Na’vi kommt, desto mehr fasziniert ihn ihr Leben – und ihr Heimatplanet, auf dem offenbar alles Leben in einer Symbiose miteinander existiert. Eine Symbiose, die durch die Gier der Menschen nach Rohstoffe in Gefahr gerät.
Das Problem: Nach etwa 20 Minuten Laufzeit steht fest, worauf Cameron hinaus will. Natürlich will er zeigen, wie die einfachen, aber ehrlichen Na’vi von den bösen Menschen ausgebeutet werden. Und natürlich kommt es irgendwann zu einem Konflikt. Aber warum muss all das über 100 Minuten dauern, wenn doch schon nach ein paar Minuten klar ist, wie die Geschichte verlaufen wird?
Dass der Film, seinen Schwächen zum Trotz, dann doch noch zum Kinoereignis des Jahres 2009 mutiert, ist einfach der Tatsache zu verdanken, dass Cameron einige Überraschungen bereit hält. Die Idee der Lebensweltsymbiose beispielsweise wird zum integralen Handlungselement. Und wenn es zur Konfrontation der Na’vi mit den Menschen kommt – dann reißt Cameron die Zuschauer wirklich mit und lässt ein 3-D-Feuerwerk auf die Zuschauer niederprasseln, wie es das Kino nicht gesehen hat. Überhaupt ist in Bezug auf die Dreidimensionalität der Inszenierung anzumerken, dass sich Cameron überraschend zurückhält. Das ist der Unterschied zwischen einem George Lucas und James Cameron: Wo Lucas einst in „Star Wars – Episode 1“ jede Einstellungen mit Effekten füllte und den Effekt so zelebrierte, dass er darüber eine Handlung vergaß, bleibt der Effekt in Camerons Film doch immer Teil eines ästhetischen Gesamtkonzeptes. Man vergisst manchmal die Dreidimensionalität, eben weil sich Cameron nicht davor scheut sich zurückzunehmen – um es dann in den richtigen Momenten krachen zu lassen.
Getragen wird der Film von Hauptdarsteller Sam Worthington, der inzwischen zum Effekt-Schauspieler Nummer 1 avanciert sein dürfte, nachdem er bereits in „Terminator 4“ Hauptdarsteller Christian Bale alt aussehen ließ: Der Australier gibt eine glänzende Vorstellung. Und auch Hauptdarstellerin Zoë Saldana, die unlängst als Lieutenant Uhrura in „Star Trek“ Spuren hinterließ, bietet eine ansprechende Leistung – auch wenn sie den gesamten Film über nur unter einer ausschließlich am Computer entstandenen Maske zu sehen ist. Die meisten Sympathiepunkte darf Sigourney Weaver für sich verbuchen. Die Actionheroin aus Camerons SciFi-Meisterwerk „Aliens“ gibt als kettenrauchende Wissenschaftlerin eine herrlich politisch unkorrekte Vorstellung, während Stephen Lang den Fiesling als miesen Kommisskopp präsentiert.
„Avatar“ lässt es krachen, transportiert eine nette Ökobotschaft und präsentiert ungewöhnliche Effekte. Nur der ganz große Wurf ist er am Ende nicht geworden. Gute Unterhaltung, einer eher lahmen ersten Hälfte steht eine gelungene zweite Hälfte gegenüber, es überwiegt der positive Gesamteindruck. Nur von einer Kinorevolution ist „Avatar“ weit entfernt. Möglicherweise hat die Vermarktungsindustrie am Ende die Erwartungen in Sphären getrieben, die der Film schlicht nicht erfüllen kann. | | geschrieben von: Christian Lukas | |
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