Interview - Interview D. J. Caruso

"Das große Spektakel - das kann ich nicht"

D.J. Caruso ist der Regisseur von „Disturbia“. Der 1966 geborene Inszenator hat sich im Fernsehen seine Sporen mit Episoden zu Top-Serien wie „The Shield“ oder auch „Smallville“ und „Dark Angel“ erarbeitet. In Berlin stand er der SPACE VIEW Rede und Antwort.

Frage: Böse Zungen sagen, wirklich interessante Formate findet man nur noch im Serienfernsehen, Kino, das ist das Zwischendurchmedium für die weniger Anspruchsvollen...

Caruso: Das ist gar nicht so falsch. Vor sechs, sieben Jahren war man entweder ein Fernseh- oder ein Kinoregisseur. Wenn ich mich für ein Kinoprojekt beworben hätte, hätte das Studio gesagt – nee, geh nach Hause, wir haben da einen hippen Werbeclipregisseur. Das hat sich geändert. TV-Serien von Sendern wie HBO, Showtime oder F/X sind tatsächlich oft viel interessanter als Kinospielfilme, Fernsehen wird heute mit weitaus mehr Respekt behandelt als noch vor wenigen Jahren.

Frage: Wofür die Tatsache spricht, dass selbst Kinomogule wie Steven Spielberg im Fernsehen als Produzenten mitmischen...

Caruso: Ich hatte das Glück für Serien zu arbeiten, die von Leuten wie Spielberg, Michael Mann oder James Cameron produziert wurden. Der Unterschied zwischen diesen Personen und TV-Produzenten besteht darin, dass sie den Regisseuren weitaus mehr Vertrauen entgegen bringen. Ein TV-Produzent betrachtet den Regisseur in der Regel als eine Art Erfüllungsgehilfen, man ist dazu da, um seine Ideen umzusetzen.

Frage: Und ein Steven Spielberg ist da anders?

Caruso: Absolut. Als ich zum ersten Mal für Steven Spielberg gearbeitet habe, war das eine ganz andere Atmosphäre als an anderer TV-Seriensets. Er ist ein Filmemacher, er ist ein Enthusiast, der nie vergessen hat, dass er eben auch ein Filmfan ist und nicht nur der große Steven Spielberg. Als ich für ihn eine Episode von „High Incident“ gemacht habe, war er einmal am Set und fragte: Ich habe da eine Idee, darf ich die B-Kamera machen? Und ich sagte ganz generös – natürlich. Also, Steven Spielberg hat für mich gearbeitet, das können nicht viele TV-Macher von sich behaupten (lacht).

Frage: Und nun machen Sie für ihn Kinofilme. „Disturbia“ war zwei Wochen die Nummer eins der US-Kinocharts, das dürfte ihren Namen vorangebracht haben. Wie äußert sich das?

Caruso: Ich bekomme viele Drehbücher geschickt.

Frage: Und lesen sie alle...?

Caruso: Auf jeden Fall. Auch wenn sie nicht immer wirklich gut sind, wie ich zugeben muss. Das spielt aber keine Rolle, weil ich in erster Linie auf die Charaktere achte. Wenn die gut gezeichnet sind, dann kann man darauf aufbauen. Ich weiß, was ich kann und was nicht. Einen Film wie „Transformers“ könnte ich niemals drehen. Nicht nur, weil zehn Minuten von „Transformers“ so viel kosten wie mein gesamter „Disturbia“, es geht vielmehr ums große Spektakel und dass kann ich nicht.

Frage: Was fasziniert Sie am Konstrukt von „Disturbia“? Ist es der Hitchcock-Moment aus „Das Fenster zum Hof“, an dem sich „Disturbia“ anlehnt?

Caruso: Mein Lieblings-Hitchcock ist „Der unsichtbare Dritte“, und einen Film wie den würde ich gerne mal machen. Aber natürlich: „Das Fenster zum Hof“ spielt ja mit der Faszination am Voyeurismus, andererseits ist es ein Thema, das nur sehr selten in einem Mainstreamfilm thematisiert wird und junge Zuschauer kennen einen Film wie „Das Fenster zum Hof“ nicht einmal. Wir haben uns also überlegt, diese klassische Hitchcockgeschichte in ein modernes Ambiente zu verlegen, mit entsprechend jungen Darstellern, ohne nun einen Teeniefilm zu machen.

Frage: Mussten Sie viele Kompromisse eingehen, um eine Jugendfreigabe zu bekommen?

Caruso: Ja. Zum Beispiel in Bezug auf die Sprache. Ist Ihnen aufgefallen, dass die Jugendlichen in meinem Film sehr selten fluchen. Das sind alles brave Kids (lacht). Außerdem habe ich den Showdown heruntergeschnitten und auf einige Einstellungen in der fertigen Filmfassung verzichtet. Um die Jugendfreigabe zu bekommen, mussten wir den Film dreimal der Filmprüfungskommission vorlegen, was ich zunächst ziemlich seltsam fand. Okay, „Disturbia“ hat zwei, drei härtere Szenen, aber ich habe schon darauf geachtet, kein Zombiemassaker zu inszenieren und auch gesagt: Ich habe weitaus härtere Filme gesehen, die problemlos eine Jugendfreigabe erhalten haben. Zu meiner Überraschung haben die Kommissionsmitglieder dem nicht widersprochen. Aber, sagten sie mir: Mein Film sei realistisch. Er spielt in unserer Welt, in unserer Nachbarschaft und die Geschichte ist sehr weit in der Realität verankert. Hätte ich einen Geisterfilm gemacht, etwas jenseits unserer Realität, wäre ich mit weitaus härteren Szenen problemlos durchgekommen.

Frage: Was kommt als nächstes Projekt.

Caruso: Ein altmodischer 70er-Jahre-Politthriller zum Thema Totale Überwachung. Wenn das Studio mich lässt.

Frage: Und wie sieht es mit Fernsehen aus?

Caruso: Ich werde dieses Jahr noch eine Episode für „The Shield“ machen und dieser Serie auf jeden Fall treu bleiben. Ich hätte für Michael Chicklis (Hauptdarsteller von „The Shield“, Anm. Red.) gerne einen Auftritt in „Disturbia“ eingebaut, aber er drehte gerade „Fantastic Four 2“, da ließ sich dies nicht realisieren.

geschrieben von: Christian Lukas

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