Originaltitel: Die Blaue Hand
Deutschland, 1967
Kinostart: unbekannt (FSK: 16)
ca. 87 Min.
Thriller
Der dritte Earl of Emerson hat Großbritannien bereits vor Jahren verlassen. Als man ihn der Unterschlagung von Geldern bezichtigte, suchte Lord Emerson das Weite – in seinem Anwesen leben nun seine zahlreichen Kinder. Eines von ihnen, der junge Mann Dave, steht aktuell wegen Mordes vor Gericht, wird aber aufgrund eines ärztlichen Gutachtens für wahnsinnig erklärt und in die Nervenheilanstalt verwiesen. Aus dieser gelingt ihm durch die Hilfe eines auch Dave Unbekannten die Flucht. Er schleicht sich zurück zum Familiensitz, wo bereits Scotland Yard wartet, doch gibt es noch weitere Probleme. Ein mysteriöser Fremder, die „blaue Hand“, dezimiert die Zahl der Emerson-Erben.
Die Zeichen standen auf Sturm bei der Rialto Film, der Produktionsfirma der Edgar-Wallace-Filmreihe. Vollmundig angekündigte Serienfolgen aus anderen Genres, allen voran die Winnetou-Vehikel nach Motiven von Karl May, kamen beim Publikum aufgrund der starken Konkurrenz von Seiten der Wettbewerber nicht mehr so gut an, verschlangen aber immense Produktionsgelder. Im Vergleich dazu waren die meist im heimischen Studio realisterten Wallace-Streifen wahre Sparbrötchen. Und das Publikum bekam nicht genug von ihnen. Auch nach 27 Produktionen, die den Wallace-Titeln zugerechnet werden können, war der Markt noch nicht übersättigt, was zum Teil auch an der sparsamen Dosierung lag, in der Rialto und der Verleih Constantin die Wallaces auf den Markt brachten.
Mit „Die blaue Hand“ nahmen sich die Kreativen um Produzent Horst Wendlandt abermals einen Stoff des britischen Altmeisters vor und gestalteten ihn in mehreren Drehbuchentwürfen nach eigenen Vorstellungen um. Aus Wallace wurde sozusagen wallaceesk, auch wenn man sich für diesen 28. Film wieder stärker auf die narrativen Qualitäten der Vorlagen besann. Das Resultat war ein angenehm homogener und überraschend effektiver Krimi-Grusler, der vielleicht nicht zu den besten Filmen seiner Tage zählt, aber sicherlich zu den besseren der gesamten Wallace-Ära im deutschen Kino.
Die gesamten Dreharbeiten der in England angesiedelten Räuberpistole mit gehörigem Gruselfaktor fanden in West-Berlin statt, wo sich die CCC-Studios (steht für Central Cinema Company GmbH) geradezu anboten. Orte für Außenaufnahmen gab es ebenfalls genug, also sollte Berlin eben für London und Co. einspringen. Einspringen musste auch Harald Leipnitz, der die Hauptrolle für den unlängst früh verstorbenen Hanns Lothar übernahm. Der mehrfach preisgekrönte Schauspieler Lothar hatte Inspektor Craig spielen sollen, kam jedoch nicht mehr dazu. In einer Doppelrolle zeigte die „Hand“ Klaus Kinski, eine wahre Koryphäe der Wallace-Reihe, der hier ein weiteres Mal glänzen durfte. Man kann von der Person Kinski und seinem schauspielerischen Schaffen halten, was immer man will, doch lässt sich nicht bestreiten, dass er mit seiner unkonventionell-irrationalen Art der Rollenanlegung in diese Serie passte wie kaum ein zweiter Schauspieler.
Mittlerweile schienen die Produzenten gelernt zu haben, die Farbe in den Wallace-Streifen narrativ sinnvoll einzusetzen und nicht als notwendiges Übel der Zeit anzusehen. Selten gelang ein Farb-Wallace so atmosphärisch dicht und überzeugend. Die Spannungskurve der „blauen Hand“ ist – so man denn die gewohnte Unlogik so mancher Handlungswendung zu akzeptieren gewillt ist – beachtlich und lässt bis zum Finale nicht nach. Nehmen wir nur die Sequenz, in welcher der gehetzte Dave Emerson übers Moor flüchtet: Auch in Schwarzweiß wäre sie kaum stilvoller und gruseliger inszeniert worden.
Das Finale selbst ist eine kleine Enttäuschung, hatte man bei der Vorgeschichte doch eine längere und intensivere Konfrontation der Emersons erwartet. Doch auch hier gilt der in zahlreichen Wallace-Filmen erprobte Grundsatz: Genießen heißt, nicht zu stark nachzufragen.
Die hübsche Diana Körner, welche in diesem Film ihr Wallace- und gleichzeitig auch ihr Leinwanddebüt gibt, machte es ihrer Vorgängerin Karin Dor nach und sicherte sich auch eine kleine internationale Karriere. So spielte sie 1975 etwa für den großen Regisseur Stanley Kubrik in dessen Historiendrama „Barry Lyndon“ mit. Heute sieht man sie hauptsächlich in deutschen Fernsehserien wie „Forsthaus Falkenau“, „Tatort“ und der Rosamunde-Pilcher-Filmreihe des ZDF.
Wussten Sie schon …? Achten Sie auf die Spritze! Wenn Diana Körners wohlgeformter Arm in Gefahr gerät, ist er in Wirklichkeit gedoubelt. Regieassistentin Eva Ebner hielt statt ihrer den Arm ins Bild. Abermals saß Alfred Vohrer auf dem Regiestuhl, der schon zahlreiche Wallaces inszeniert hatte, darunter auch die beiden „Hexer“-Filme. Filmproduzent Artur Brauner, in dessen westberliner Studios „Die blaue Hand“ realisiert wurde, ist ein mehrfach preisgekrönter Kinomacher. Im Produktionsjahr 1967 wurde ihm bereits zum dritten Mal die Goldene Kamera verliehen. Frisch zitiert: „Im Gegenteil! Ich bin angewidert von den meisten Rollen, die ich früher gespielt habe. Ich hab die früher gespielt, weil man eben keine besseren Filme hier hatte und weil es immer noch besser war, viel Geld zu verdienen, als gar keine Filme zu machen. Bis ich eines Tages die Nase voll hatte und abgehauen bin.“ - Bei seiner Rückkehr in die Wallace-Serie fragt man Klaus Kinski 1967, ob ihm die früheren Werke gefallen.