Originaltitel: The Lady in the Lake
USA, 1947
Kinostart: unbekannt (FSK: unbekannt)
Der reiche Verleger Derace Kingsley ist auf der Suche nach seiner Frau. Die lebenslustige Crystal scheint Scheidungsabsichten zu hegen und hat sich bereits einen Lover angelacht, den schmierigen Chris Lavery. Alles, was Kingsley noch von ihr bekommt, ist ein Telegramm, auf dem sie ihm mitteilt, dass sie und Chris nach Mexiko durchbrennen. Einige Tage später begegnet Kingsley Lavery jedoch und stellt fest, dass der Junge nichts von alldem weiß. Kingsley kontaktiert Privatdetektiv Phillip Marlowe und bittet ihn, Crystal möglichst skandalfrei wiederzufinden und nach Hause zu bringen. Dann setzt die Mordserie ein.
„Robert Montgomery und Sie lösen ein Verbrechen“, schrie es Ende der 1940er Jahre von den Leinwänden. Ja, es war schon ein gewagtes Unterfangen, das Metro-Goldwyn-Mayer da einging. Ein Jahr, nachdem Warner Brothers mit der Raymond-Chandler-Verfilmung „The Big Sleep“ (Tote schlafen fest) einen veritablen Kinohit abgeliefert hatten, versuchte sich die Konkurrenz ebenfalls an einem Roman des Autors, ebenfalls mit der Serienfigur Phillip Marlowe im Mittelpunkt, Chandlers wohl berühmtester Schöpfung. Und doch machte MGM alles ganz anders. Wo „The Big Sleep“ die Hauptrollen an Humphrey Bogart und Lauren Bacall gegeben hatte – und somit an ein Schauspielerehepaar, das allein mit seiner Attraktivität für die Boulevardblätter für ausreichend Publicity zu sorgen verstand –, setzte MGM auf Plot und Atmosphäre. Anstatt ebenfalls einen Darsteller von Bogartschem Kaliber zu verpflichten, an dessen Spiel sich das Publikum orientieren konnte, verzichtete Regisseur Robert Montgomery gänzlich auf einen leading man. Von künstlerischem Ehrgeiz angetrieben, brach der Regienovize mit allen Konventionen des Mainstream-Kinos und machte den Zuschauer selbst zum Hauptdarsteller. Der komplette Film „Die Dame im See“ wird buchstäblich aus Phillip Marlowes Sicht geschildert, aus seinen Augen. Marlowe ist die Kamera, die Leinwand zeigt einzig, was auch Marlowe sieht. Montgomery selbst spielte die Rolle; das heißt: Er sprach die Texte, bewegte sich durch die Kulissen – und hatte dabei stets eine Kamera auf den Kopf montiert, welche sein Blickfeld auf Zelluloid bannte. Kameramann Paul Vogel, Bruder des späteren MGM-Präsidenten Joseph R. Vogel, übertraf sich bei diesen Aufnahmen selbst, auch wenn gelegentlich noch technische und szenische Hilfsmittel ins Bild gerieten – etwa Markierungen auf dem Boden, welche den Schauspielern ihre Positionen zuwiesen. Einzig Montgomerys Hände (etwa beim Türenöffnen) oder auch mal sein Gesicht (in getricksten Aufnahmen vor Spiegelwänden) waren von Marlowe selbst zu sehen. Die anderen Schauspieler agierten also direkt in die Kamera, wenn sie mit dem Protagonisten sprachen. Subjektive Kamera oder Point-Of-View-Shot nennt der Filmfachmann diesen Effekt – das zeitgenössische Publikum von „The Lady in the Lake“ nannte es schlicht seltsam. Zwar wurde der Film von einigen Kritikern für seine unkonventionelle Idee gelobt – und Chandlers Kriminalgeschichte war ohnehin über jeden Zweifel erhaben –, doch litt das Einspielergebnis der Produktion deutlich unter der bewussten Verletzung der Sehgewohnheiten des Publikums.
Dabei macht „Die Dame im See“ Spaß – auch wenn man sie nicht aus filmwissenschaftlicher Warte betrachtet. Die Handlung ist spannend und gewohnt schnörkellos erzählt – was bei einer derart verwickelten Geschichte aber auch dringend notwendig ist. Die Darsteller sind durchaus angemessen ausgewählt. Audrey Totter gab eine wunderbare femme fatale, wenn auch nicht von Bacallscher Qualität. Totter war zu der Zeit bei MGM unter Vertrag und in vielen Filmen zu sehen. Und Montgomery selbst hatte in Hollywood einen sehr guten Ruf, war er doch – neben seinen auch auf Theaterbühnen seit Jahren unter Beweis gestellten schauspielerischen Talenten – zum wiederholten Mal in den Vorsitz der Screen Actors Guild gewählt worden, also der Schauspielergewerkschaft. Kurze Zeit nach „Die Dame im See“ moderierte der überzeugte Republikaner Montgomery, welcher auch Senator McCarthys Ausschuss für unamerikanische Umtriebe Rede und Antwort gestanden hatte, die alljährlich abgehaltene Oscar-Verleihung.
Wussten Sie schon …? Metro-Goldwyn-Meyer bewarb „Die Dame im See“ mit seiner besonderen Erzählweise der subjektiven Kamera und erklärte den Film kurzerhand zum innovativsten Stück Kino seit der Einführung des Tonfilms. Wie schon als Phillip Marlowe war Humphrey Bogart Montgomery auch schon bei der subjektiven Kamera zuvor gekommen: In „Die schwarze Natter“ (Dark Passage, auch bekannt als „Das unbekannte Gesicht“) spielte Bogey 1947 einen Mann, der eine Gesichts-OP hinter sich hat und die ersten 30 Filmminuten nur von hinten (mit bandagiertem Gesicht) gezeigt wird – oder eben mit der Point-Of-View-Kamera. „Dark Passage“ war ein Erfolg – dank der immens beliebten Hauptdarsteller Bogart und Bacall. Frisch zitiert: „Montgomery macht die Kamera zum aktiven Teilnehmer statt abseits stehenden Berichterstatter, doch gelingt es ihm nicht, das volle Potenzial dieser unüblichen Methode auszunutzen. Denn hat man erst einige Minuten lang zugesehen, wie eine Hand zur Türklinke greift, eine Zigarette anzündet oder ein Glas anhebt, oder wie sich eine Tür auf den Betrachter zu bewegt, als wolle sie aus der Leinwand kommen, nutzt sich der Effekt des Neuen doch schnell ab.“ - The New York Times