Originaltitel: Young Sherlock Holmes
USA, Großbritannien, 1985
Kinostart: unbekannt (FSK: 12)
ca. 109 Min.
Mystery
An einer Londoner Schule lernt der junge John Watson den enigmatischen Mitschüler Sherlock Holmes kennen, der mit Elisabeth verbandelt ist, der Tochter eines ehemaligen Dozenten der Anstalt. Watson ist von Holmes’ scharfem Verstand begeistert und entwickelt eine Freundschaft zu dem verqueren Kerl. Als sich plötzlich unzusammenhängend erscheinende Morde ereignen, die Lestrade, ein in kriminalistischen Dingen nicht unbewanderter Mitschüler, nicht versteht, kommen Holmes und Watson einer Verschwörung auf die Spur, die bis zu einem alten Geheimbund führt – und in tödliche Gefahr.
Fans der Romane und Kurzgeschichten um Sherlock Holmes, diesen von Sir Arthur Conan Doyle erschaffenen Prototyp eines Meisterdetektivs, müssen jetzt stark sein. Denn während das britische Fernsehen in den 1980er Jahren mit einer angenehm werktreuen Adaption des literarischen Materials aufwarten konnte, entdeckte auch Hollywood den Ermittler aus der Baker Street wieder mal für sich – und wohin das führt, weiß man nicht erst seit den zum Teil völlig indiskutablen Basil-Rathbone-Filmen aus längst vergangenen Tagen, welche Holmes und Watson nach Herzenslust mal in die Gegenwart des zweiten Weltkriegs, mal ins viktorianische England verpflanzten.
1985 war es Steven Spielberg, der plötzlich Lust entwickelte, es mit Holmes zu versuchen. Er, der gerade mit dem Kinder-Abenteuerfilm „Die Goonies“ (Richard Donner, 1985) große Erfolge feierte und in Chris Columbus, dem späteren Autor von „Kevin allein zu Haus“ einen Drehbuchschreiber kennen gelernt hatte, der es verstand, abenteuerliche Themen kindgerecht zu spannenden Scripten zu verarbeiten, kontaktierte Barry Levinson und bot ihm die Regie bei einem Projekt an, das die Welt bisher maximal aus Fanfiction kannte: Spielberg wollte das erste Treffen zwischen Sherlock Holmes und Watson zeigen, allerdings anders als Conan Doyle dies 1887 in „A Study in Scarlett“ selbst beschrieben hatte. In Spielbergs Welt sollten sich die beiden schon als Kinder begegnet sein und einen großen Fall gelöst haben, der sie für ihr zukünftiges Leben geradezu prädestinierte. Dass eine solche dichterische Freiheit bei den Sherlockianern nicht gerade auf Gegenliebe stieß, störte niemanden, da sich der Film ohnehin an die jungen Kinogänger richtete und niemals eine literarische Adaption oder ein werkgetreues Pastiche sein wollte.
Stattdessen verdankt Columbus’ Drehbuch der Doyleschen Vorlage ebensoviel wie den „Indiana Jones“-Filmen und den „Goonies“, und ist ein Fest für Freunde von witzigen Querverweisen. Holmes gesamter Charakter, seine gesamten Markenzeichen (inklusive der markanten Pfeife) fallen ihm im Laufe dieses Abenteuers quasi in den Schoß – und auch sein Junggesellenstatus, in Doyles Geschichten ein Kernelement zur Charakterisierung des Helden, wird in „Das Geheimnis des verborgenen Tempels“ auf tragische Weise begründet – wobei die Sherlockianer auch da eine ganz andere Theorie vertreten als Columbus.
Der fertige Film ist, auch wenn Columbus ihn schrieb, wenn Levinson Regie führte, in der Ausführung, dem Tempo und dem moralisch-ethischen Unterbau purer Spielberg und eher für Freunde von „E.T.“ als für wahre Fans des britischen Ermittlergenies genießbar.
Wussten Sie schon …? Chris Columbus auch an der Harry-Potter-Filmreihe als Regisseur und Produzent beteiligt ist? Das führte so weit, dass ein Wissenschaftler tatsächlich inhaltliche Zusammenhänge zwischen den Potter-Romanen und „Young Sherlock Holmes“ ausfindig zu machen glaubte und einen langen Essay publizierte. Kernaussage: J.K. Rowling, Autorin der Romane um den Zauberlehrling Harry Potter, sei von diesem Film zu ihren Bestsellerbüchern inspiriert worden. Ob der gleiche Wissenschaftler auch Verbindungen zwischen gebuttertem Toastbrot und dem versunkenen Kontinent Atlantis aufstellen kann, ist uns leider nicht bekannt. Alan Cox, der junge Watson-Darsteller, sollte Jahre später die Jugend einer weiteren Legende der Popkultur bereichern. Er spielte 1993 in den „Abenteuern des jungen Indiana Jones“ mit, einer sündhaft teuren TV-Serie, welche den Werdegang des von Harrison Ford verkörperten Kinohelden erzählte. Holmes’ junge Liebe Elisabeth alias Sophie Ward ist aktuell in der britischen TV-Serie „Heartbeat“ zu sehen. Die Deutschlandpremiere dieses Films fand am 15. Mai 1986 statt. Er wurde 1985 für den Spezialeffekte-Oscar nominiert. Lustigerweise fand US-Kritikerpapst Roger Ebert gerade diese Spezialeffekte unnötig und konstatierte, dass Holmes anstelle der Lösung des Mordfalles wohl eher die Entwicklung von CGI ermöglichenden Computern deduzieren müsste. Vorsicht, bloß nicht während des Abspanns abschalten! In einer hinten am Film angefügten Szene wird deutlich, was eigentlich Holmes’ spätere Nemesis Professor Moriaty während all dieser Zeit gemacht hat. „Young Sherlock Holmes“ wurde u.a. in Oxford gedreht, wo man mit einer im Winter spielenden Szene, für die extra Kunstschnee auf dem Gelände verteilt wurde, den Rasen ruinierte. Spielberg griff notgedrungen in die Budgetkasse und kam für den Schaden auf. Holmes-Darsteller Nicholas Rowe war zur Drehzeit 18 Jahre alt und bereits Mitglied im House of Commons.