Originaltitel: Hannibal (Hannibal, 2001)
USA, 2001
Kinostart: 15.01.2001 (FSK: 18)
ca. 135 Min.
Horror, Thriller
Multimillionär und Kinderschänder Mason Verger ist ein Unikat, gehört er doch zu den wenigen Menschen, die eine „kannibalistische Begegnung“ mit Massenmörder Hannibal Lecter überlebten. Lecter, der sich mit Vorliebe vom Fleisch seiner Opfer ernährt, hat den Job im Falle Vergers nicht zu Ende bringen können, und seitdem sinnt der verkrüppelte Millionär auf Rache. Als ihm neue Informationen über den Aufenthaltsort des untergetauchten Killers zugespielt werden, kontaktiert Verger FBI-Agentin Clarice Starling, die schon einmal auf „Hannibal den Kannibalen“ getroffen ist. Die Spur führt nach Florenz, doch wird es Starling tatsächlich gelingen, den entflohenen Lecter dingfest zu machen?
Wenn man zehn Jahre auf die Fortsetzung eines sehr erfolgreichen Filmes wartet, ist das kein gutes Zeichen. Hollywood ist eine Industrie, und somit an Geld interessiert. Künstlerischer Anspruch ist ja schön und gut, aber Filmstudios müssen (und wollen) primär wirtschaften. Wäre es also nach den Produzenten, Darstellern und den weiteren Machern des Riesenerfolgs „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) gegangen, hätte die Welt schon bald einen weiteren Film über den faszinierend-schrecklichen Hannibal Lecter sehen können. Doch da gab es ein Problem: Autor Thomas Harris. Harris schreibt seit 1975, und hat in dieser Zeit ganze fünf Romane vollendet. Wenn Hollywood also an einer harrisschen Vorlage interessiert war, musste es warten.
Mit großem Werbeaufwand und öffentlichem Interesse kam „Hannibal“ 1999 endlich in die Buchläden. In seinem vierten Roman setzte Harris – ganz geschäftstüchtig – die Geschehnisse aus dem „Schweigen der Lämmer“ fort, stieß viele Leser und Kritiker mit der Art und Weise, wie dies geschah, aber vor den Kopf. Verstümmelte Kinderschänder, ein durch Florenz (und ellenlange innere Monologe) lustwandelnder Lecter… Besonders das letzte Drittel des Buches, welches die finale Konfrontation zwischen Starling und dem Kannibalen schildert und einen verstörenden, unerwarteten Ausgang nimmt, verwirrte das Publikum. Harris hatte sich etwas erlaubt, was Serienfiguren eigentlich verboten ist: Er veränderte die Leben seiner Charaktere nachhaltig und drehte den status quo, an welchen sich die Kinogänger in den zehn Jahren des Wartens gewöhnt und den sie als gegeben hingenommen hatten, komplett auf den Kopf. Wer war noch Täter hier, wer noch Opfer? Harris beantwortete diese Fragen nicht – und lieferte vielleicht gerade dadurch einen beeindruckend effektiven Roman ab. Schon Brian Cox, der in Michael Manns „Manhunter“ von 1986 erstmals den Hannibal gegeben hatte, hatte in Interviews zu verstehen gegeben, die Faszination, ja sogar Sympathie nicht nachvollziehen zu können, mit welcher das Publikum diesem fiktiven Massenmörder begegnete. Harris’ „Hannibal“ zeigte, dass auch Harris noch immer wusste, was einen Mörder auszeichnete.
Nachdem sie den Roman gelesen hatten, verabschiedeten sich die Mitglieder des „Schweigen der Lämmer“-Teams schnell von dem Fortsetzungsprojekt. Anthony Hopkins, den die Rolle unglaublich populär gemacht hatte, blieb an Bord – und mit ihm allein war der Film gesichert. Ridley Scott übernahm den Regiestuhl, nachdem Jonathan Demme abgelehnt hatte (was Produzent De Laurentiis unbeeindruckt kommentierte: „Wenn ein Papst stirbt, machen wir eben einen neuen Papst.“). Und das Drehbuch, diesmal von David Mamet und Steven Zaillian verfasst, erlaubte sich einige drastische Freiheiten, um Harris’ verstörendes Werk zu einem Film zu machen, welcher das Weltbild seines Publikums, im Gegensatz zum Roman, intakt ließ.
Schwieriger erwies sich die Suche nach einer Hauptdarstellerin, war mit Jodie Fosters Ablehnung doch das Oscar-prämierte Duo des ersten Films auseinander gebrochen. Produzent Dino De Laurentiis bewies Mut zur Lücke, und besetzte mit Julianne Moore gleich einen komplett anderen Typ, was problemlos funktionierte und vom Publikum akzeptiert wurde.
Wussten Sie schon …? Nach der Lektüre des Romans verabschiedete sich Jonathan Demme, dem „Das Schweigen der Lämmer“ einen Oscar eingebracht hatte, von der Fortsetzung – per Fax an die Produzenten. Er nannte das Material „entsetzlich“ und beklagte den hohen Gore-Faktor. Als Dino De Laurentiis Ridley Scott die Regie bei „Hannibal“ anbot, steckte dieser gerade in den Dreharbeiten seines Sandalenepos „Gladiator“ und lehnte ab – weil er dachte, Dino plane einen Film über den antiken Hannibal: „Im Grunde mache ich gerade einen Römerfilm, Dino. Ich will als Nächstes nicht Elefanten filmen, die über die Alpen kommen.“ Frisch zitiert: „Ich mochte das Buch nicht. Der Regisseur Jonathan Demme und ich lasen es, und wir waren entsetzt. Wir wussten nicht, wie wir daraus einen Film machen konnten, auf den wir stolz wären und uns nicht schäbig vorkämen, ohne eine komplett andere Geschichte zu erzählen. Denn das hätten wir auch alleine gekonnt. Es war wirklich furchtbar, immerhin waren wir mit Tom Harris befreundet und hatten ihm viel zu verdanken. Aber er war unzugänglich und wollte nichts verändert haben. Es war frustrierend, denn es wäre für uns alle der größte Zahltag geworden; es hätte uns in Spielberg-Territorium katapultiert.“ -Ted Tally, Drehbuchautor von „Das Schweigen der Lämmer“, über den Roman „Hannibal“