Space-View Filmguide: Hannibal Rising – Wie alles begann

Hannibal Rising – Wie alles begann

Fakten

Originaltitel: Hannibal Rising
USA, 2007
Kinostart: 15.02.2007 (FSK: 18)
ca. 122 Min.

Genre

Thriller

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Kurzübersicht

Litauen, 1944. Als die deutschen Truppen auf dem Vormarsch sind, bahnt sich in Lecter Castle eine Tragödie an. Hannibal, der älteste Sohn des Hauses, geht gemeinsam mit seiner Schwester Mischa in den Wirren der Schlachten unter. Nach dem Tod ihrer Eltern geraten die Geschwister Lecter in die Hand hungriger Marodeure, welche Mischa töten und ihr Fleisch verspeisen –auch Hannibal bekommt zu essen. Schließlich flieht der junge Lecter und kommt im Waisenhaus unter, zu dem Lecter Castle umfunktioniert wurde. Später entkommt er zu Verwandten nach Frankreich, wo er Medizin studiert und einen starken Drang entwickelt, sich für den Mord an Mischa zu rächen.

Review

Es muss schon bitter sein, wenn ein so teurer, vieldiskutierter und mit großen Erwartungen ins Rennen geschickter Streifen wie der „neue Hannibal-Lecter-Film“ an der Kinokasse gegen eine absolute 08/15-Komödie mit Eddie Murphy verliert. Als „Hannibal Rising“ Anfang Februar 2007 in den USA startet, verpasst er die Pole Position der Kinocharts um Längen. Gerade mal 13,4 Millionen US-Dollar spielt die Produktion am doch so wichtigen, da meinungsbildenden Startwochenende ein – ein abgeschlagener zweiter Platz zu Eddie Murphys „Norbit“ (33,7 Millionen).
Und damit sollte die Kette der kommerziellen Hiobsbotschaften für „Hannibal Rising“ noch lange nicht beendet sein. Es war aber auch eine abstruse Idee, nach drei erfolgreichen Lecter-Filmen („Das Schweigen der Lämmer“, 1991; „Hannibal“, 2001; „Roter Drache“, 2002) einen zu produzieren, der in die Kindheit und Jugend der etablierten und vom Publikum akzeptierten Hauptfigur zurückgeht und dementsprechend gänzlich auf bekannte Darsteller verzichten muss. Einen Lecter ohne Anthony Hopkins in der Rolle seines Lebens? Das war den Kinogängern doch ein wenig zuviel der Liebe.
Wie schon bei „Hannibal“, jenem lang erwarteten und groß budgetierten Sequel zu „Das Schweigen der Lämmer“, lag die Schuld bei dem, ohne den es in einem so renommierten Franchise wie den Lecter-Filmen schon längst nicht mehr geht: beim Autor der Romanvorlagen. Thomas Harris heißt der Mann, und die Bücher über den kannibalistischen Psychologen haben aus ihm einen reichen Mann gemacht. Erst 2004 hatte Harris, der extrem langsam schreibt und bis dato nur vier Romane veröffentlichte, einen Vertrag über zwei weitere Werke mit dem Verlagshaus Bantam Books abgeschlossen, für den ihm eine achtstellige Summe ausbezahlt wurde. „Hannibal Rising“ ist das erste dieser beiden Bücher – und wer das Ende des Romans „Hannibal“, dem direkten Vorgänger, kennt, wird verstehen, warum sich Harris nicht für eine Fortführung der „Jetztzeit“ Lecters entschied. Nicht ohne Grund hatte schon Hollywood dieses furiose Ende für seine damalige Filmversion des Stoffes stark modifiziert und massentauglicher gemacht. Für den neuen Film schrieb Harris erstmals auch das Drehbuch selbst.
„Hannibal Rising“ folgt also dem jungen Lecter und will die Entstehung des „Monsters“ schildern – was aber niemanden richtig interessierte. Gaspard Ulliel, ein in Frankreich bekannter Jungstar, gab die Hauptrolle nur widerwillig, wusste er doch genau, dass man Hopkins Schuhe nur schwerlich füllen konnte. Und die Zeit sollte ihm Recht geben. Es half ebenfalls nicht, dass sich Regisseur Peter Webber mit Harris’ Material sichtlich unwohl fühlte. Webber hatte 2003 ein gefeiertes Leinwanddebüt hingelegt und für den Film „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ einige Preise eingeheimst. Es folgte eine Episode der TV-Serie „Six Feet Under“ – und dann der Anruf von Dino De Laurentiis, dem Produzenten der Lecter-Filme. Eine schlechte Wahl. Zwar liefert Webber ansprechende Bilder ab und scheut auch nicht vor den immensen (und nicht immer motiviert erscheinenden) Gewaltdarstellungen des Drehbuchs zurück, doch fehlt dem Film die Seele, welche die Vorgänger auszeichnete. So unterschiedlich sie auch waren.
Hollywood ist ein Geschäft, und die Marke „Hannibal Lecter“ nun deutlich unattraktiver geworden: Nach 91 Tagen hatte „Hannibal Rising“ in den USA erst gut die Hälfte seiner Produktionskosten eingespielt. Mit gut 27 Millionen US-Dollar konnte er noch nicht einmal ansatzweise an die Startwochenend-Ergebnisse der Vorgänger reichen. Eben ein kolossaler Flop.

Wissenswertes

Wussten Sie schon …? Der Film wurde „on location“ gedreht, also an seinen echten Schauplätzen: in Litauen, Paris und Prag. Die Romanvorlage hatte in den USA allein eine Startauflage von über 1,5 Millionen Büchern. Einem unbestätigten Bericht der US-Presse zufolge, kam der Roman nur zustande, weil De Laurentiis Harris drohte, notfalls auch ohne sein Zutun eine origin story zu Hannibal Lecter zu drehen. Frisch zitiert: „Hannibal Rising schafft es gekonnt, einen der ikonischsten Kino-Bösewichter des 20. Jahrhunderts zu entmystifizieren. Er raubt ihm den kalten Intellekt und verwandelt ihn schlicht in ein weiteres Opfer einer schlechten Kindheit. Mit seinem Dreigestirn aus schlechtem Drehbuch, schlechtem Schauspiel und schlechter Regie verhält sich Hannibal Rising zu Das Schweigen der Lämmer so, wie es Superman IV – Die Welt am Abgrund zu Superman tat. Die Fülle an kreativen Fehlentscheidungen haben diesen jüngsten (und hoffentlich letzten) Hannibal-Film weit über den Bereich des camp hinausgetragen: gleich in jene besondere Hölle, die nur den stinkendsten unter den Sequels vorbehalten ist.“ - James Berardinelli, Reelviews

Hauptdarsteller

  • Hannibal Lecter Gaspard Ulliel
  • Lady Murasaki Li Gong
  • Grutas Rhys Ifans
  • Dortlich Richard Brake
  • Kolnas Kevin McKidd
  • Beobachter Richard Leaf
  • Mischa Helena Lia Tachovska
  • Hannibal Lecter (jung) Aaron Thomas
  • Polizist Dominic West

Film-Crew

  • Regie Peter Webber
  • Drehbuch Thomas Harris