Danny Boyle hat mit Filmen wie dem Drogendrama „Trainspotting“ oder dem Zombiethriller „28 Days Later“ echte Kultfilme erschaffen. Mit „Sunshine“ begibt sich der 50jährige Brite nun auf neues Terrain: Des Sciencefiction-Dramas. In Form eines Kammerspiels erzählt er die Geschichte von acht Astronauten, die mit einem waghalsigen Experiment die sterbende Sonne retten sollen. Christian Lukas unterhielt sich mit Boyle in Berlin.
Christian Lukas: In vielen ihrer Filme finden sich Motive des Jugendbuchklassikers „Herr der Fliegen“. Immer wieder geht es um Menschen, die auf einem engen Raum, den sie nicht verlassen können, miteinander leben müssen. Sei es eine paradiesische Insel wie in „The Beach“ oder nun ein Raumschiff in „Sunshine“. Und immer geht es um den Verlust der Zivilisation, Überleben, Entmenschlichung...
Boyle: Ich beziehe mich nicht auf eine bestimmte Vorlage, wie etwa dem „Herrn der Fliegen“. Es sind vielmehr szenische Konzepte, die mich faszinieren und die die Zuschauer immer wieder in meinen Filmen finden werden. Die Enge des Raumes finden Sie auch in einem Thriller wie meinem Debüt „Kleine Morde unter Freunden“, obschon „Sunshine“ und er inhaltlich ansonsten wenig gemeinsam haben. Es ist keine bewusste Entscheidungen, die ich treffe, oft fallen mir Parallelen erst nach der Erstellung eines Konzeptes oder nach dem Dreh selbst auf. Es ist einfach faszinierend, Figuren auf engen Raum miteinander agieren zu lassen, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, diesen Raum verlassen zu können. Aus der Enge entsteht Interaktion und Interaktion macht einen Film erst spannend.
Christian Lukas: „Sunshine“ ist ein Film, der sich inszenatorisch der typischen Dramaturgie eines SciFi-Filmes entzieht und seine Geschichte fast schon episodisch erzählt. Das ist nicht unbedingt der Stoff, den große Studios gerne produzieren.
Boyle: Die Fox war sehr skeptisch. Sie hat Soderberghs „Solaris“, der ja durchaus Parallelen zu meiner Geschichte aufweist, produziert – und der Film war eine finanzielle Katastrophe. Ich habe „Solaris“ am Starttag in einem Kino in Los Angeles gesehen und in diesem großen Filmtheater saßen gerade einmal 15 Zuschauer. Und das, obwohl der Film mit George Clooney einen echten Star vorweisen konnte. Ich habe dann für „Sunshine“ auch noch Teile der „Solaris“-Filmmusik benutzt (lacht). Wenn ich dem Studio gegenüber zugegeben hätte, dass ich „Solaris“ mochte und mich von ihm habe inspirieren lassen, wäre „Sunshine“ nie in Produktion gegangen.
Christian Lukas: Und das Studio wollte keinen großen Star?
Boyle: Oh, die Studios wollen immer einen großen Star. Für mich aber war klar, dass sich dies nicht realisieren ließ. Ich hatte ein klar kalkuliertes Budget, einen straffen Zeitplan und eine klar strukturierte Storyline, in die ich mir nicht hineinreden lassen wollte. Mit einem echten Star wäre dies kaum möglich gewesen. Zum Beispiel gibt es in meinem Film keine Rückblenden zur Erde, zu den Familien der Crewmitglieder. Produzenten glauben, durch einen Perspektiv- oder Ortswechsel das Interesse des Publikums immer wieder neu zu entzünden und Stars sehen in solchen Szenen das Potenzial, sich selbst in den Vordergrund spielen zu können, statt im Ensemble nur einer von vielen gleichberechtigt agierenden Schauspieler zu sein. Ich habe mich da an „Alien“ orientiert. Ein abgeschlossener Raum, ein Ensemble gleichberechtigter Charaktere. Das wäre mit einem großen Star nicht machbar gewesen.
Christian Lukas: Wie hoch war das Budget?
Boyle: Etwa 40 Millionen Dollar. Aber ich glaube, er sieht nach 150 Millionen aus (lacht)
Christian Lukas: Was haben Sie aus den Fehlern von „Solaris“ gelernt?
Boyle: Ich mache mir schon lange keine Gedanken mehr darüber, warum Filme an den Kinokassen funktionieren und andere floppen. Es ist ein Mysterium. Es gibt zwar immer wieder schlaue Köpfe die behaupten, eine Formel für den Erfolg gefunden zu haben, aber das ist Unsinn. Wenn es eine solche Formel gäbe, gäbe es keine Flops mehr. Ich weiß nicht, welche Fehler „Solaris“ gemacht hat.
Christian Lukas: Woher stammt die Faszination am SciFi-Genre?
Boyle: Es sind die unendliche Weiten als Gegenentwurf zum urbanen Film. Das All hält uns Menschen einen Spiegel vor. Wir sind so limitiert in unserem Leben, unsere Welt ist so klein. Was sind wir wert? Die Idee meines Filmes ist ja eigentlich arrogant: Die Vorstellung eine erlöschende Sonne durch eine Bombe wieder starten zu können. Aber wo sind die Grenzen unseres Wissens? Gibt es Grenzen?
Christian Lukas: Ihre Filme werden von Projekt zu Projekt größer. Es begann ganz klein mit dem Thriller „Kleine Morde unter Freunden“, mit „The Beach“ kam dann die erste echte Hollywoodproduktion, inzwischen sind Sie im SciFi-Genre angelangt...
Boyle: Und mein nächste Film spielt im Mumbai, in Indien. Ich arbeite mich von Film zu Film vor, ohne den großen Masterplan in der Tasche zu haben.
Christian Lukas: Mumbai? Aber es wird doch kein Bollywoodfilm, oder?
Boyle (lacht): Nein.
Christian Lukas: Inwieweit wurden Sie von anderen Filmen inspiriert? Wie von „Event Horizon“?
Boyle: Sehr. Man sagt, „Event Horizon“ sei der erste Film, der das All als einen Vorhof der Hölle darstellte – wobei mich persönlich „Alien“ weitaus mehr berührt hat; „Alien“ war ein Gegenentwurf zu Filmen wie „2001“ oder dem sowjetischen „Solaris“, die sich auf einer sehr intellektuellen Ebene mit den Fragen von Menschsein in der Unendlichkeit auseinander gesetzt haben, was ich gleichfalls hoch interessant finde. Es ist übrigens immer eine Gefahr, einen Film wie „Sunshine“ zu machen und an den Kinokassen zu floppen. Ich nutze daher bewusst Mechanismen des Mainstream-Kinos, um eben ein großes Publikum zu erreichen, ich hoffe aber gleichzeitig stets einen Bogen zu finden, der eine Geschichte eben nicht in Beliebigkeit abrutschen lässt, sondern das Interesse des Publikums anheizt.
Christian Lukas: Sie sagten, Sie hätten keinen Plan bei der Auswahl ihrer Projekte. Andererseits lassen Sie uns einmal drei Filme vergleichen. 1.) „The Beach“ – eine Geschichte über den Untergang des Paradieses, 2.) „28 Days Later“ – ein Film über das Ende der Menschheit, 3.) „Sunshine“ – das Ende allen Daseins. Zusammen genommen ist dies eine fast biblisch-apokalyptische Trilogie...
Boyle (setzte vor der Frage ein Wasserglas an – verschluckt sich bei der Frage): Wouh. So weit würde ich nicht gehen, obwohl ich mir dies für kommende Interviews merken werde. (lacht). Ich mag extreme Szenarien, extreme Drogensucht, ein Mann wacht in einer menschenleeren Stadt auf, die Sonne stirbt. Es sind Geschichten, die an die Substanz gehen, die keinen Platz für Grautöne lassen. Es gibt Schönheit, es gibt Gewalt. Aber nichts dazwischen. Wahrscheinlich hat deshalb auch mein Film „Lebe lieber ungewöhnlich“ nicht funktioniert, ihm fehlte die Intensität, die Menschen an eine Geschichte fesselt.
Christian Lukas: Woran haben Sie sich orientiert, als sie sich mit der Intensität dieser Geschichte auseinander gesetzt haben?
Boyle: Ich habe mich mit NASA-Studien befasst, und dabei bin ich auf ein Buch gestoßen, das von den Erlebnissen aller Astronauten berichtet, die je an einer Mondmission teilgenommen haben. Diese Astronauten sind teils sehr unterschiedlich mit ihren Erfahrungen umgegangen, einige haben Kapital daraus geschlagen, andere scheuen bis heute die Öffentlichkeit. Eine Gruppe von Astronauten aber hat wirklich unter den Flügen gelitten: Und das waren die Astronauten, die nicht den Mond betraten, sondern in der Kapsel um den Mond flogen. Sie litten nicht, weil ihnen der Ruhm verwehrt blieb, einen Fuß auf den Mond gesetzt zu haben, es war die Einsamkeit, die sie in den Wahnsinn getrieben hat. Es waren die jeweils 45 Minuten einer Mondumkreisung, die sie auf der Dunklen Seite des Mondes verbrachten, abgeschnitten von jeglichem Funkverkehr. Sie waren in diesem Momenten die einsamsten Menschen des Universums. Und diese Einsamkeit, die hat sogar den abgefeitesten Astronauten Angst gemacht. Dies war die Intensität, die ich versucht habe darzustellen. Und das sehr visuell, weshalb die letzten 30 Minuten des Filmes fast ohne Dialoge auskommen.
Christian Lukas: Wie extrem sind Sie als Privatperson?
Boyle: Ich war ein Punker, später, mit 35, war ich von Housemusik begeistert und habe mir den Hintern abgetanzt.
Christian Lukas: Im Sommer startet in den deutschen Kinos „28 Weeks Later“. Das ist Fortsetzung zu „28 Days Later“, der, auch wenn dieses Wort inflatorisch eingesetzt werden mag, in Fankreisen durchaus Kultstatus genießt. Sie treten als Produzent auf, aber nicht als Regisseur. Hat es Sie nicht gereizt, die Geschichte fortzusetzen?
Boyle: Ich bin nur Executive Producer, das heißt, ich habe auf den kreativen Prozess des Filmes überhaupt keinen Einfluss genommen. Ich glaube, ich habe mit „28 Days Later“ alles gesagt, was es für mich in diesem Subgenre des Horrorfilms, dem Zombiefilm, zu sagen gab. „28 Weeks Later“ unter meiner Regie wäre ein fader Aufguss des ersten Teils geworden.
Christian Lukas: Das klingt nicht so, als seien Sie von dem Projekt begeistert.
Boyle: Oh doch, denn die Produzenten haben, wie ich finde, alles richtig gemacht. Sie haben mit dem Juan Carlos Fresnadillo einen Regisseur von Außen geholt, der in Spanien einige ganz hervorragende Filme gedreht hat und einfach heiß auf ein Projekt wie „28 Weeks Later“ gewesen ist. Er hat dann noch Enrique Chediak, einen ecuadorianischen Kameramann mitgebracht, der wirklich einige hervorragende Kameraarbeiten abgeliefert hat und hier natürlich auch eine Chance sieht, in die A-Liga aufzusteigen, sofern der Film ein Erfolg wird. Die Jungs sind heiß und ich glaube, sie haben ihren Enthusiasmus auf das Projekt übertragen. Ich finde es faszinierend zu beobachten, wie ein Projekt, das ich auf den Weg gebracht habe, nun von Künstlern einer ganz neuen Generation fortgesetzt wird.
Christian Lukas: Und wie sieht es mit „Trainspotting 2“ aus? Dieses Projekt geistert ja immer wieder durch einschlägige Internetforen.
Boyle: Es gibt auch ein, wenngleich auch unfertiges Skript. Wenn ich den Film mache, dann aber wird er nicht den Titel „Trainspotting 2“ tragen. Ich will eine Geschichte erzählen, die für jene, die „Trainspotting“ gesehen haben, als Fortsetzung erkennbar sein wird, die aber gleichzeitig auch jene ansprechen soll, die den ersten Film nicht kennen. Daher erzählt er eine ganz eigene Geschichte, fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des ersten Filmes – und daher werden wir die Charaktere kaum wiedererkennen, denn sie werden sich sehr verändert haben. Ich werde diesen Film aber nur machen, wenn alle Hauptdarsteller des ersten Teils wieder mitmachen, denn ohne sie macht ein zweiter Film keinen Sinn.
Christian Lukas: Mr. Boyle, wir danken Ihnen für das Gespräch.