Space-View Filmguide: Inception

Inception

Fakten

Originaltitel: Inception
USA, 2010
Kinostart: 29.07.2010 (FSK: 12)
ca. 148 Min.

Genre

Action, Science Fiction, Thriller

Review

Der britische Regisseur Christopher Nolan gehört zu einem besonders erlauchtem Kreis seines Berufsstandes: Wenn er mit einer Idee vor den Vorstand der Warner Bros. tritt, dann wird diese Idee nicht zerpflückt, bis am Ende kaum mehr als ein vermarktungsfreundlicher Resttorso bleibt, der sich wunderbar mit einem weiblichen Star-Lächeln bei Thomas Gottschalk auf dem Promi-Sofa bewerben lässt. Nein, wenn Nolan eine Idee vorlegt, dann wird höchstens ums Budget gefeilscht. Nolan ist schließlich der Regisseur von „Batman – The Dark Knight“ und damit einer von gerade einmal drei Regisseuren, denen es je gelungen ist einen Film auf die Leinwand zu bannen, der über eine Milliarde Dollar eingespielt hat!
„The Dark Knight“, „Memento“, „The Prestige“: Drei Filme, die allesamt ein Faktum vereint – sie nutzen die Technik und die Perfektion des Hollywoodkinos, ohne sich wirklich mit Hollywood-Mainstream vergleichen lassen zu können. „Memento“ ist ein Spiel mit dem Genre des Thrillers: Eine an sich simple Geschichte erhält ihren Reiz dadurch, dass sie rückwärts erzählt wird und erst im Anfang am Ende einen Sinn ergibt. „The Prestige“, die Geschichte zweier Illusionisten, die sich einen gnadenlosen, tödlichen Konkurrenzkampf liefern, erhält seine Kraft durch die Radikalität, mit der die Hauptfiguren handeln – eine Radikalität, die bis hin zur totalen Aufgabe der eigenen Persönlichkeit führt. Und „The Dark Knight“? Nolans zweiter “Batman”-Film besticht als Anti-Superheldenfilm, als Dekonstruktion des Traumes von einer Welt, in der Heldentum irgend etwas zum Besseren wenden könnte.
Mit seinem neuen Film „Inception“ bewegt sich Nolan einmal mehr auf einem ungewöhnlichen Terrain. „Inception“ ist streng genommen ein Caper-Movie á la „Rififi“ oder „The Italien Job“. Nolans Protagonisten sind hoch spezialisierte Diebe, die im Auftrag einflussreicher Industrieller deren Konkurrenten wichtige Unterlagen stehlen. Doch sie brechen nicht in Tresore oder Lagerhäuser ein, ihre Einbruchsziele sind die Träume ihrer Opfer. Träume, die sie selbst kreieren, in denen sie ihre Opfer die Realität vergessen lassen, um sie dann ihrer Ideen zu berauben.
Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) ist der Meister seines Fachs. Doch nachdem ein Auftrag aufgrund eines winzigen Details daneben geht, ist er der Gnade des japanischen Industriellen Saito (Ken Watanabe) ausgeliefert – der ihm ein Angebot unterbreitet, das er nicht abschlagen kann. Seit dem Tod seiner Frau wird Dom in den USA als Mörder gejagt, bei der Einreise in seine Heimat würde er sofort verhaftet. Und so ist er auch von seinen Kindern getrennt. Saito erklärt Dom, er brauche nur einen Anruf zu tätigen – und Dom sei ein freier Mann. Dafür muss er jedoch einen Auftrag ausführen: Er soll in die Träume des Jungunternehmers Robert Fischer (Cillian Murphy) eindringen. Allerdings soll Dom keine Informationen aus seinen Träumen stehlen – er soll Robert vielmehr eine Idee einpflanzen. Robert soll glauben, es sei das Beste das global agierende Unternehmen, das sein Vater, der tyrannische, im Sterben liegende Geschäftsmann Maurice Fischer (Pete Postlewaithe) aufgebaut hat, zu zerschlagen. Dieser Vorgang nennt sich Inception. Er hat nur einen Schönheitsfehler: Er ist noch nie gelungen. Kurz gesagt: Der Verstand Robert Fischers könnte für immer in seinen Träumen gefangen bleiben. Dennoch wagt Dom den Schritt und stellt ein Team von Spezialisten zusammen, die ihn unterstützen sollen. Sein Plan ist riskant: Das Unterbewusstsein erkennt falsche Gedanken. Um Robert zu täuschen und ihm die falschen Gedanken zu implementieren – muss Dom in einen Traum in einem Traum. Er muss so tief eindringen, dass der Verstand glaubt, die Idee käme aus dem eigenen Unterbewusstsein. Eine Kleinigkeit verschweigt Dom seinen Komplizen allerdings: Seit dem Tod seiner Frau ist er in den Träumen, in die er eindringt, unfähig sich ausschließlich auf den Auftrag zu konzentrieren. Immer wieder kreisen seine Gedanken um seine Geliebte Mal (Marion Cotillard) – was zu dem unschönen Problem führt, dass Mal ständig in den Träumen seiner Opfer auftaucht. Und Mal ist auf Rache aus, denn die Mal seiner Träume glaubt, dass Dom tatsächlich für ihren Tod verantwortlich ist.
Ein Traum ist ein Traum ist ein Traum. Nolan kreiert nicht einfach nur ein simples Verwirrspiel. Er nutzt einmal mehr die gesamte Klaviatur des Big-Budget-Hollywoodkinos, um seine Geschichte in ein visuelles Fest zu verwandeln. Da wölbt sich halb Paris in den Himmel, gigantische Städte wachsen an zerklüfteten Küsten, Actionszenen im Michael-Mann-Stil drücken aufs Tempo. Hans Zimmers Musik findet für jede Traumwelt eigene (wiederkehrende) Klangmuster, die Darsteller bieten anspruchsvolles Schauspielerkinos. Allein wirkt der gesamte Film seltsam unterkühlt. Nolans Vorlieben für kühle Gegenwartsarchitektur ließ sich schon in seinen „Batman“-Filmen nicht verhehlen, in „Inception“ treibt er diese auf die Spitze, wenn er beispielsweise die persönlichen Traumwelten diCaprios als ein Meer aus Wolkenkratzern und kühler Modernität präsentiert. Es sieht zwar toll aus, wenn diese Welten beginnen an den Rändern in sich zusammenzustürzen, was „Inception“ jedoch fehlt ist Menschlichkeit. Es menschelt, sicherlich, Doms Trennung von seinen Kindern hat etwas Rührendes. Doch wirklich mit ihm leiden – kann man nicht. Dafür bleibt Dom zu unnahbar und kühl.
Beeindruckend hingegen ist Nolans Spiel mit den verschiedenen Traumebenen, der Traum im Traum eines Traumes: Nolan kommt selten ins Schwitzen, wenn es um die innere Plausibilität seiner Geschichte geht. Atemberaubend: Der Showdown, der auf verschiedenen Ebenen zur gleichen Zeit stattfindet.
In den USA wurde Nolans Film von der Kritik frenetisch gefeiert. Seine kühne Konzeptionalität scheint die amerikanischen Kritiker so begeistert zu haben, dass sie die Kühle, die von „Inception“ ausgeht, offenbar nicht wahrnehmen wollten. Vielleicht aber ist „Inception“ letztlich ein Film, der einen Hunger still: Den Hunger nach einem Werk, das Hollywood ist – und doch ganz anders. In einer Zeit, in der Hollywoodfilme immer mehr auf den Effekt (Stichwort: 3D-Manie) setzen und in der ein erschreckendes Mittelmaß aus Unterhaltungskonzeptionsware und Ideenrecycling das traurige Ideen-Bild der Filmfabrik von der US-Westküste kennzeichnen, sind die Filme Nolans eine Ausnahmeerscheinung. Nolan ist kein Autheur bleieiner europäischer Bildungsbürgerlichkeit, er ist ein Kind der Popkultur, ein Unterhalter, ein Filmfan, der sich in bekannten Gefilden bewegt. Wie viele andere Regisseure auch. Doch neben alledem ist er eben auch ein Geschichtenerzähler, der die Perfektion des Hollywoodkinos nutzt, um seine ganz eigenen Traumwelten zu realisieren. Unabhängig von den Erwartungen des Publikums, das sich von seinen Filmen tatsächlich überraschen lassen darf.

geschrieben von: Christian Lukas