
Originaltitel: Soylent Green
USA, 1973
Kinostart: 23.05.1974 (FSK: 16)
ca. 97 Min.
Science Fiction, Thriller
Im New York City des Jahres 2022 leben 40 Millionen Menschen. Neben Überbevölkerung prägen Hitze, Umweltzerstörung und Korruption das Bild der Zukunft. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gewaltig. Während der Großteil der Menschen auf engstem Raum in großer Armut lebt, wohnen einige wenige Privilegierte in großen, luxuriösen Wohnungen mit jungen Frauen als „Inventar“ – sie gehören tatsächlich zur Wohnungseinrichtung. Die Natur scheint völlig zerstört zu sein, Pflanzen und Tiere sind nahezu ausgestorben. Ein Glas Erdbeermarmelade kostet 150 Dollar und Rindfleisch ist geradezu unbezahlbar. Um diese überbevölkerte Welt ohne Ackerbau und Viehzucht zu ernähren, gibt der Soylent-Konzern die Soylent-Produkte heraus. Die Nahrungsmittel Soylent Rot, Soylent Gelb und das neue Soylent Grün sollen den Hunger der Menschen stillen, aber auch diese Produkte sind nur begrenzt verfügbar. Wenn die Rationen zur Neige gehen, kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen der Massen mit der Polizei.
Charlton Heston spielt Robert Thorn, einen dieser Polizisten. Er soll den Mord an William Simonson aufklären. Simonson war ein sehr reicher und mächtiger Mann, ein Funktionär des Soylent-Konzerns. Thorn wird bei seiner Arbeit von dem alten Sol Roth unterstützt, einem „lebenden Buch“. Er fungiert als Archiv, recherchiert, besorgt Hintergrundinformationen und lässt Thorn an seiner Weisheit teilhaben. Die beiden leben zusammen in einer Wohnung, zwischen ihnen besteht eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Thorn hört interessiert zu, wenn Roth von den alten Zeiten erzählt, in denen es noch Tiere, Pflanzen und richtiges Essen gab. Als Thorn etwas Gemüse und ein Stück Fleisch organisiert, treibt es Sol die Tränen in die Augen. Der Zuschauer fragt sich, ob die Erinnerungen an die „gute alte Zeit“ eher Fluch oder Segen sind.
Zurück zum Mordfall Simonson: Auf den ersten Blick sieht es nach einem Raubmord aus, aber Thorn bekommt schon früh den Eindruck, dass etwas anderes dahinter steckt. Bei seinen Ermittlungen lernt er Shirl kennen, das „Inventar“ von Simonson. Er genießt offensichtlich den Luxus – Seife, fließendes Wasser, Handtücher, Lebensmittel natürlichen Ursprungs etc. – in Simonsons Wohnung und entwickelt eine Zuneigung zu Shirl. Aber seine Ermittlungen bringen ihn in große Gefahr, denn er ist nicht bereit, den Fall unter den Teppich zu kehren. Am Ende steht eine schockierende Entdeckung, die die gesamte Gesellschaft auf den Kopf stellen könnte.
„Soylent Green“ – den misslungenen deutschen Titel „Jahr 2022 ... Die überleben wollen“ vergessen wir am besten gleich wieder – ist ein Science-Fiction-Öko-Krimi, der in einer gar nicht so unwahrscheinlichen, gar nicht so fernen, aber ganz schön finsteren Zukunft spielt.
„Soylent Green“ lebt primär von der beklemmenden Atmosphäre einer vom Menschen zugrunde gerichteten Welt. Die Stimmung ist so bedrückend, dass man zu verstehen beginnt, warum sich alte Menschen freiwillig „einschläfern“ lassen, weil sie dieses trostlose Leben nicht weiter wollen. Um dem Platzproblem ein wenig entgegenzuwirken, bietet die Regierung nämlich eine Art freiwilliges Euthanasieprogramm an: Für ein paar Minuten kann man noch einmal die Wunder der Natur in einem Rundumkino genießen und wird hinterher ganz sanft und friedlich um die Ecke gebracht.
Auch wenn Charlton Heston heutzutage – besonders wenn man seinen Auftritt in „Bowling for Columbine“ (Dokumentation über den Waffenwahn in Amerika) bedenkt – nicht mehr allzu beliebt ist, war er doch in den 60er und 70er Jahren so etwas wie der Superstar der Science-Fiction. Neben „Soylent Green“ spielte er die Hauptrolle in zwei weiteren Kultfilmen dieser Zeit, nämlich in „Planet der Affen“ und „Der Omega Mann“, die uns in dieser Reihe auch noch begegnen könnten. Wie auch immer man zu Heston und seinem Engagement für die US-Waffenlobby „National Rifle Association“ steht, er ist und bleibt eine Schauspiellegende. Spätestens seit der Titelrolle in „Ben Hur“ im Jahr 1959 – die ihm auch den Oscar als bester Schauspieler einbrachte – gehörte der Mann mit dem markanten Gesicht zu Hollywoods Top-Stars.
Der von Heston gespielte Robert Thorn ist kein Held, keine Identifikationsfigur. Er ist ein korrupter Polizist, der sich hemmungslos am Eigentum von Mordopfern bedient. Trotzdem nimmt er – zumindest nach dem Tode Roths – seinen Job ernst und geht seinem Fall gegen beträchtlichen Widerstand nach. Der eigentliche Sympathieträger ist jedoch Sol Roth, der von dem in Rumänien geborenen Edward G. Robinson verkörpert wird. Robinson war selbst eine echte Hollywood-Legende, bereits 1916 machte er seinen ersten Film, später galt er als einer der größten Stars des klassischen amerikanischen Gangsterfilms. Besonders in den 30er und 40er Jahren wirkte Robinson in unzähligen Produktionen mit, auch in den 50er und 60er Jahren war er noch sehr aktiv (zum Beispiel in „Die zehn Gebote“). In „Soylent Green“ spielte er den alten Sol Roth sehr bewegend und überzeugend. „Soylent Green“ war Robinsons letzter Film, er starb kurz nach den Dreharbeiten, bei denen er schon beinahe völlig taub gewesen sein soll, im Alter von 79 Jahren.
In weiteren Rollen sind Joseph Cotten als Mordopfer William Simonson, Leigh Taylor-Young als Shirl (sein „Inventar“) und Chuck Connors als Tab Fielding, als sein dubioser Leibwächter, zu sehen. Und noch ein Darsteller aus diesem Film ist – zumindest für „Star Trek“-Fans – kein unbekannter: Brock Peters spielt Robert Thorns Vorgesetzten Lt. Hatcher. Später war dieser in „Star Trek IV“ und „Star Trek VI“ als Admiral Cartwright und noch später in „Star Trek: Deep Space Nine“ als Benjamin Siskos Vater Joseph zu sehen.
„Soylent Green“ basiert auf der Geschichte „Make Room! Make Room!“ des amerikanischen Science-Fiction-Autors Harry Harrison aus dem Jahr 1966. Harrison ist eigentlich eher für humorvolle Science-Fiction-Bücher bekannt, einige rutschen sogar geradezu in Slapstick ab. Auch wenn „Soylent Green“ sich nicht allzu genau an die Vorlage hält, wurden seine Vorstellungen eines hoffnungslos überbevölkerten und zerfressenen New York von Regisseur Richard Fleischer („20.000 Meilen unter dem Meer“, „Conan der Zerstörer“, „Red Sonja“) sehr gut umgesetzt. Das Kunstwort Soylent hat Harrison übrigens aus „Soy Beans“ (Sojabohnen) und „Lentils“ (Linsen) geformt, auch wenn die Zusammensetzung im Film eine etwas andere ist. Mit dem Nebula Award gewann der Film 1974 einen der wichtigsten Science-Fiction-Preise.
„Soylent Green“ hat eine deutliche, unübersehbare und ständig präsente Message, die ein Produkt der Öl- und Energiekrise und des erwachenden Umweltbewusstseins der 70er Jahre ist: Wenn der Mensch die Natur zerstört, wird sich das rächen, und der Mensch wird sich dadurch letztlich selbst vernichten. Diese unverblümte Gesellschaftskritik wirkt aber nicht aufdringlich oder oberlehrerhaft, sie wird ganz im Gegenteil geradezu elegant präsentiert. In diesem Zusammenhang ist vor allem die Anfangssequenz zu erwähnen, die, musikalisch dezent untermalt, den Bevölkerungswachstum und die Industrialisierung illustriert und die vermeintlichen Vorzüge der Zivilisation entlarvt.
In Verbindung mit der Verschwörungsgeschichte, den Krimielementen und den guten Schauspielern ergibt „Soylent Green“ eine gelungene Mischung aus Science-Fiction, Ökothriller und Krimi. Neben der durchaus spannenden Geschichte besticht „Soylent Green“ aber vor allem durch die beklemmende Atmosphäre. Und die Botschaft des Filmes ist auch nach 30 Jahren immer noch erstaunlich und erschreckend aktuell.