Originaltitel: Der Mann mit dem Glasauge
Deutschland, 1968
Kinostart: unbekannt (FSK: 16)
ca. 87 Min.
Thriller
In den Reihen der berühmten „Las Vegas Showgirls“ geht die Angst um. Zunächst stirbt Mr. Jefferson, Geliebter der Tänzerin Leila ächzend in ihren Armen (und hinterlässt ein seltsames Glasauge in der Manteltasche), dann wird Leila selbst Opfer eines Mordanschlages. Scotland Yard vermutet eine Verbindung der beiden Verbrechen und setzt die Kommissare Perkins und Pepper auf den Fall an. Die Spur führt sie zum Billardclub „Das Glasauge“, der ein sehr illustres Klientel anspricht, und ins Odeon-Theater, dem Auftrittsort der Showgirls. Schon bald müssen die Ermittler erfahren, dass die Morde nur Mittel zum Zweck waren. Steckt etwa ein Drogenschmuggel hinter den Verbrechen?
Der Titel mag an James-Bond-Filme erinnern, doch „Der Mann mit dem Glasauge“ ist ein echter Wallace, mehr noch: Für die kultige deutsche Filmserie der Produktionsfirma Rialto Film bedeutete er das Ende einer Ära. Und damit ist nicht nur die Ära Vohrer gemeint. Aber mal ehrlich – nachdem er seit dem sechsten Wallace immer mal wieder an Bord war und in Folge schon die letzten fünf Rialto-Wallaces inszeniert hatte, wurde es definitiv Zeit für einen Wechsel auf dem Regiestuhl. Nichts gegen Alfred Vohrers Qualitäten, doch war frischer Wind – ohnehin ein Mangel in der arg stereotypen Filmserie – dringend von Nöten, auch in visueller Sicht.
Nach dem unglaublich uninspiriert wirkenden „Der Gorilla von Soho“, welcher im Grunde nur ein Remake eines vorherigen Filmes gewesen war, bot „Glasauge“ endlich wieder neue Ideen, wenn auch in homöopathischen Dosen. Abermals zeichneten Ladislas Fodor, Autor der „Mabuse“-Erfolgsfilme mit Lex Barker und anderen Größen, und Paul Hengge für das Drehbuch verantwortlich und bewiesen eindrucksvoll, dass sie die Normen des Formats und die Erwartungshaltung des Publikums bestens verstanden. Zwar mag manchem Zuschauer insbesondere der erzwungen scheinende Humor des Filmes ein wenig übel aufstoßen – der nach fünf Filmen als Yard-Chef „Sir John“ seinen Wallace-Ausstand gebende Hubert von Meyerinck hätte definitiv einen würdigeren Abgang verdient gehabt –, doch tat er der Spannnung und Atmosphäre keinen Abbruch. Wer an den neueren Wallace-Streifen Gefallen gefunden hatte, wurde auch vom „Mann mit dem Glasauge“ bestens bedient.
Einen kleinen Bruch mussten die Produzenten um Horst Wendlandt in Form der Figur des Sergeant Pepper in Kauf nehmen. Hatte man die Schauspieler Horst Tappert und Uwe Friedrichsen im vergangenen Film erst mühsam als Heldengespann etabliert, schied Friedrichsen für den Nachfolger aus Termingründen aus. Er war beim Fernsehen verpflichtet und stand für die Dreharbeiten leider nicht zur Verfügung. Dennoch schrieben Vohrer und Co. die Rolle nicht um, änderten nicht einmal den Namen (den sie vermutlich ohnehin für witzig hielten). Friedrichsens Part übernahm der bis dato nur im Fernsehen beschäftigte Stefan Behrens, Lebenspartner der kürzlich verstorbenen Evelyn Hamann. Quasi zum Ausgleich konnte sich Rialto wieder über die Verpflichtung von Ilse Pagé freuen, deren Rolle man daraufhin in Mabel Finley umbenannte – also in die bereits früher von Pagé verkörperte Figur aus der Serie.
Für die Berliner CCC-Studios, in denen viele der jüngeren Wallaces gedreht worden waren, bedeutete der „Mann mit dem Glasauge“ ebenfalls einen Abschied, würde die Produktion doch nicht mehr hierher zurückkehren. Schon für diesen Film hatte man einige Szenen auch in Hamburg realisiert; für weitere Außenaufnahmen und insbesondere die beeindruckende Titelsequenz drehte man zudem in London selbst.
Derartige Drehorte, und die Abkehr von den zum Standard gewordenen deutschen Studioaufnahmen, sollten die nächsten Wallace-Filme prägen. Um im internationalen Wettbewerb stärker punkten zu können, sollten die Produzenten in den nächsten Jahren verstärkt auf Co-Produktionen mit dem Ausland setzen. Zwar brachten Filme wie „Das Gesicht im Dunkeln“, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ und „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ neue kreative Energien und Sichtweisen in das schwächelnde Franchise, verprellten aber die treuesten Fans mit ungewöhnlicher Visualität und nicht selten auch drastischeren Gewaltdarstellungen und Freizügigkeiten.
Wussten Sie schon …? Stefan Behrens sollte noch öfter mit Horst Tappert arbeiten. Ganze sieben Mal wirkte der Schauspieler in späteren Jahren in Tapperts TV-Dauerbrenner „Derrick“ mit. Für die Rolle des Bruce Sharringham verpflichtete Rialto Film den Schauspieler Fritz Wepper. Genau wie Hauptdarsteller Tappert sollte Wepper ab 1973 mit der Serie „Derrick“ beschäftigt sein. Insgesamt 281 Episoden drehten Wepper und Tappert gemeinsam, bis die beliebte Krimireihe 1998 endete. Seine Rolle, den Assistenten Harry Klein, übernahm man schlicht aus der Serie „Der Kommissar“, wo ihn Wepper bereits seit 1969 verkörperte. Frisch zitiert: „Der Vorspann verkündet zwar: Hier spricht Edgar Wallace. Keine Spur: Wer so mit dem Klassiker der Kriminalgeschichte liebäugelt, nasführt gehörig den Zuschauer. Dass ein Bauchredner erwürgt wird, ist immerhin noch ein komischer Einfall, wenn auch nicht so gemeint. Dass aber am Ende der Messerwerfer nicht der Messerwerfer ist und das Glasauge nicht das Glasauge, nur weil eines der Mädchen aus der Girltruppe zwei Masken trug - na ja!” - Westfälische Nachrichten