Originaltitel: Murder on the Orient Express
Großbritannien, 1974
Kinostart: 06.03.1975 (FSK: 12)
ca. 128 Min.
Thriller
Hercule Poirot – Unikat, Belgier, Meisterdetektiv – ist gerade in Istanbul unterwegs, als ihn ein Klientenruf ereilt. Poirot will mit dem Orient-Express zurück in die Heimat, doch die entspannende Bahnfahrt artet zum Abenteuer aus: Mitten in Jugoslawien bleibt der Zug in einer Schneeverwehung stecken und ist von der Außenwelt quasi abgeschnitten. Dann passiert ein Mord. Ein Amerikaner namens Ratchett liegt erstochen in seinem Abteil, gleich zwölf Wunden zeichnen seinen Körper. Auf Bitten des Bahnpersonals nimmt sich Poirot des Falles an und stößt auf eine erschütternde Vorgeschichte.
Dame Agatha Mary Clarissa, Lady Mallowan, auch bekannt unter ihrem bürgerlicheren Namen Agatha Christie, wollte nicht! Zu schlecht waren ihr die Erfahrungen mit der Filmwelt im Gedächtnis geblieben, als dass sie einer weiteren Romanadaption ihren Segen und ihre Zustimmung gegeben hätte. Was die vier Margaret-Rutherford-Filme um die resolute Ermittlerin Miss Jane Marple (1961-1964) und der anschließende „Die Morde des Herrn ABC“ von 1965 aus ihren Romanvorlagen gemacht hatten, wusste Christie nur zu gut – deshalb winkte sie 1974 gleich ab, als das Kino abermals um die Rechte an einem Stoff bat. Diesmal stand den Filmemachern „Mord im Orient-Express“ im Sinn, Christies im Januar 1934 erstveröffentlichter Kriminalroman um den belgischen Detektiv Hercule Poirot, eine unverhohlene Variation von Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes.
Und Sidney Lumet wollte diesen Stoff. Ihm schwebte eine große, halbwegs werkgetreue Inszenierung vor – mit dem richtigen, dem Roman entsprechenden Zeitkolorit, exotischer Kulisse und einem schauspielerischen Ensemble, das seinesgleichen suchen sollte. Er wollte endlich den wahren Agatha-Christie-Film drehen – und brauchte dafür letzten Endes sogar die Hilfe der königlichen Familie!
Flottenadmiral Louis Francis Albert Victor Nicholas George Mountbatten, der erste Earl Mountbatten of Burma, 1979 verstorben, war ein hochdekorierter und -angesehener Vertreter des königlisch-britischen Militärs, ein Angehöriger des regierenden Adelsgeschlechts und praktischerweise der Schwiegervater von Lumets Produzenten John Brabourne. Mountbatten stellte dem Regisseur einen Kontakt zu Dame Agatha her, und Lumet nutzte sie, redete mit Respekt und Engelszungen auf die Autorin ein, bis diese schließlich – und sehr widerwillig – einsah, dass Lumet, dieser berühmte und talentierte amerikanische Filmemacher, kein zweiter George Pollock war. Pollock hatte für die Rutherford-Filme der 1960er verantwortlich gezeichnet, die das Publikum zwar meisterlich amüsiert, mit den literarischen Vorlagen aber so gut wie nichts mehr zu tun gehabt hatten.
Christies zweiter Ehemann, der Archäologe Sir Max Edgar Lucien Mallowan, übrigens nicht minder untreu als ihr erster, gab später zu Protokoll: „Agatha selbst war immer allergisch gegen Adaptionen ihrer Bücher durch das Kino, doch überzeugte man sie, dieser einen eine eher widerwillige Zustimmung zu geben.“
Sie sollte nicht enttäuscht werden. Lumet machte sein Versprechen war und versammelte Größen wie Sean Connery, Anthony Perkins und Lauren Bacall vor der Kamera. Das Resultat war eine einigermaßen werkgetreue Inszenierung, der man maximal noch einige Mängel im Spannungsaufbau ankreiden kann – doch liegen diese ohnehin in Christies analytisch-sachlicher Plotentwicklung begründet und sollten daher eher dem Roman selbst angelastet werden. Als der Film Premiere hatte, bemängelte Dame Agatha dann auch nur den ihrer Ansicht nach noch immer zu gewöhnlichen Schwirbelschnurrbart des von Albert Finney verkörperten Poirots.
Wussten Sie schon …? Lumets Film wurde von der Kritik wohlwollend bis unbeeindruckt aufgenommen. Er war 1975 für sechs Oscars nominiert und gewann einen (Ingrid Bergman für die beste weibliche Nebenrolle). Für ein 2006 von The Adventure Company veröffentlichtes PC-Spiel zu „Mord im Orient-Express“ konnte David Suchet als Poirot gewonnen werden. Suchet hatte die Rolle in der beliebten ITV-Fernsehserie verkörpert (übrigens mit eher kleinem Schnurrbart). Die Serie begann 1989 und wird noch heute gelegentlich fortgeführt, hat sich bisher aber noch nicht am „Orient-Express“ versucht. Der deutsche Regisseur Carl Schenkel („Abwärts“, „Knight Moves“) inszenierte im Jahr 2001 eine Neuverfilmung des Stoffes für das amerikanische Fernsehen und besetzte darin auch deutsche Darstellergrößen wie Fritz Wepper und Kai Wiesinger. Schenkel übertrug die Geschichte in die Gegenwart, machte Alfred Molina zu Hercule Poirot, und fiel beim Publikum durch. Die ansprechende deutsche Synchronisation des Lumet-Filmes entstand unter der Regie von Synchro-Legende Gert Günther Hoffmann, der insbesondere (und auch in diesem Film) als deutsche Stimme von Sean Connery bekannt war. Darüber hinaus sprach er auch Figuren wie Captain Kirk (William Shatner) und Old Shatterhand (Lex Barker) regelmäßig. Frisch zitiert: „Madame, vielleicht sollte ich Ihnen ein wenig mehr über mich berichten. Ich bin Hercule Poirot.“Diese Enthüllung ließ Mrs. Summerhayes unbeeindruckt. „Welch hübscher Name“, sagte sie freundlich. „Griechisch, nicht wahr?“ -aus der Geschichte „Vier Frauen und ein Mord“