Space-View Filmguide: Nur die Sonne war Zeuge

Nur die Sonne war Zeuge

Fakten

Originaltitel: Plein Soleil
Frankreich, Italien, 1960
Kinostart: unbekannt (FSK: 16)
ca. 112 Min.

Genre

Thriller

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Kurzübersicht

Der junge Amerikaner Tom Ripley wird beauftragt, den in Italien lustwandelnden Unternehmersohn Phillipe Greenleaf davon zu überzeugen, in die Staaten zurückzukehren und seinen Platz im Familienbetrieb anzutreten. Tom reist nach Italien, findet aber selbst Gefallen am dolce vita, wie es Phillipe und dessen Freundin Marge vorleben. Greenleaf wird zum Idol für Tom, der ihm in allem nachzueifern versucht. Als sich Phillipe während einer Bootsfahrt gegen ihn wendet, bringt Ripley ihn um und vertuscht die Tat.

Review

Es könnte das Paradies sein: die wärmende Sommersonne Italiens, die Begleitung einer schönen jungen Dame und alle finanziellen Freiheiten, die man sich nur wünschen kann. Und doch gibt es in dieser Urlaubsidylle ein störendes Element. Ist es Phillipe Greenleaf? Oder Tom Ripley?
Wer von diesen beiden den ersten Stein werfen dürfte, ist durchaus eine kritisch zu betrachtende Frage, präsentiert uns René Clements Film doch zwei Charaktere, die beide nicht gerade sympathisch wirken. Da wäre Phillipe, der reiche Unternehmersohn, der sich fern der Heimat auch fern von jeglichen Verpflichtungen fühlt. Für Phillipe sind Menschen, genau wie Geld, genau wie Kleidung, Austauschware – und alles, was nicht dem eigenen Standard entspricht, zählt ohnehin nur als ein Produkt zweiter Klasse. Er ist ein Sadist, der mit distanziertem Vergnügen beobachtet, wie vermeintlich wertlosere Gestalten als er mit Hindernissen umgehen, die sein Geld und seine Abstammung ihm selbst schon per se aus dem Weg räumen.
Und dann gibt es Tom, für den Phillipe in ideeler, sozialer und sexueller Natur das absolute Ideal darstellt. Greenleafs Unbekümmertheit, seine Nonchalance und sein offen zur Schau getragener, großkotziger Lebenswandel öffnen dem nicht gerade neidlosen Jedermann Tom Ripley ein Fenster in eine neue, vermeintlich bessere Welt. Und Tom erweist sich selbst als Connaisseur. Er will nicht wie Phillipe sein, gibt sich also nicht lange mit einer ohnehin unerreichbaren Kopie zufrieden, er will Phillipe sein. Nach und nach übernimmt Ripley das Leben des Freundes und schreckt, von Greenleafs herablassender Art und finaler Ablehnung motiviert, auch vor Mord nicht zurück.
„Nur die Sonne war Zeuge“ ist die erste Verfilmung eines Romans der „Ripleyade“, also des fünfbändigen Romanzyklus von Patricia Highsmith, der sich mit dem Leben des amerikanischen Tunichtguts Tom Ripley befasst. „Der talentierte Mister Ripley“, so der deutsche Romantitel der bei detebe erschienenen Buchvorlage, stellte den Lesern einen Helden vor, der gerade durch seine Bösartigkeit interessant war. Dabei ist Ripley – in seinen und nicht selten auch in den Augen des Lesers – eigentlich kein Verbrecher. Ihm, der lügt, betrügt und mordet, gehört unsere Sympathie, ihm drücken wir bis zum bitteren Ende die Daumen; nicht zuletzt, weil Tom zu keiner Gelegenheit Reue für seine Taten zeigt oder das Geschehene hinterfragt. Er tut – zumindest nach seinem eigenen Verständnis – nur, was die Situation ihm bietet. Und alles, was danach geschieht, ist reine Reaktion. Wenn es überhaupt ein perfektes Verbrechen gibt, jenes Ideal, nach dem so viele intelligente Übeltäter der Fiktion streben, so ist es vielleicht dieses: die völlige moralische Unberührtheit von den eigenen Schandtaten. So gesehen ist Tom Ripley ein perfekter Verbrecher.
Natürlich geht das nicht lange gut, und Clement genießt es sichtlich, seinen von Alain Delon meisterhaft verkörperten Antihelden um die eigene Sicherheit bangen zu lassen. Umso interessanter wird dieses Spiel durch die erste Filmhälfte, in der Clement sein Publikum sozusagen aus erster Hand an der moralischer Verwerflichkeit des Phillipe Greenleaf teilhaben lässt. Danach fällt es uns Zuschauern entschieden (und wohl auch erschreckend) leicht, sympathy fort the devil, also Sympathie für Ripley zu entwickeln.
Ripley wurde im Laufe der Jahre von verschiedenen und durchaus namhaften Darstellern verkörpert. Highsmith selbst fand stets, dass Alain Delons Ansatz der Romanfigur am nächsten kam – obwohl sich der Film narrativ mitunter doch stark von der Vorlage unterscheidet.

Wissenswertes

Wussten Sie schon …? Für den damals 24-jährigen Delon stellte Tom Ripley die erste große Hauptrolle dar. Man kann förmlich sehen, mit welcher Begeisterung und Einsatzbereitschaft der spätere Weltstar an die Figur herangeht. Delons spätere Verlobte Romy Schneider hat in „Nur die Sonne war Zeuge“ einen Gastauftritt. Sie ist als Begleiterin von Freddie zu sehen, taucht aber nicht namentlich in den Credits auf. Sie und Delon hatten sich zwei Jahre zuvor bei den Dreharbeiten zu „Christine“ kennen gelernt, einem Film von Pierre Gaspard-Huit. Gedreht wurde „Plein Soleil“ vom 3.8. bis zum 22.10.1959 in Ischia Ponte, Ischia Porto und im Palazzo D`Ambra, sowie auf der Spiaggia Maronti bei Sant'Angelo d'Ischia. Die Deutschlandpremiere fand am 16.9.1960 statt, und somit ein gutes halbes Jahr nachdem der Film in Frankreich gelaufen war. 1999 versuchte sich Anthony Minghella, Regisseur von „Der englische Patient“, abermals an der Romanvorlage und lieferte mit „Der talentierte Mr. Ripley“ einen bildgewaltigen Thriller mit Matt Damon als Ripley, Gwyneth Paltrow als Marge und Jude Law als Greenleaf, der in dieser Neuverfilmung auch endlich seinen Romannamen Dickie tragen durfte.

Hauptdarsteller

  • Tom Ripley Alain Delon
  • Philippe Greenleaf Maurice Ronet
  • Marge Duval Marie Laforêt
  • Riccordi Erno Crisa
  • Mrs. Popova Elvire Popesco
  • O'Brien Frank Latimore
  • Freddy Miles Billy Kearns

Film-Crew

  • Regie René Clément
  • Drehbuch René Clément
  • Drehbuch Paul Gégauff