Space-View Filmguide: Nightwatch - Nachtwache

Nightwatch - Nachtwache

Fakten

Originaltitel: Nattevagten
Dänemark, 1994
Kinostart: 02.02.1995 (FSK: 16)
ca. 107 Min.

Genre

Mystery, Thriller

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Kurzübersicht

Um sich sein Studium zu finanzieren, nimmt Jura-Student Martin einen Job an, bei denen es vielen seiner Kommilitonen kalt den Rücken herunterlaufen würde: Er wird Nachtwächter in der pathologischen Abteilung eines Kopenhagener Krankenhauses. Trotz seiner eigenen Ängste, und trotz der Mutproben, die ihm sein amüsierter Freund Jens abfordert, steht Martin Nacht für Nacht seinen Mann – bis er sich in ein Geschehen verstrickt, das weit über die Berufsanforderungen hinausgeht. Ein Serienkiller macht die Stadt unsicher, der es auf junge Frauen angesehen hat. Und in der Pathologie ist bald nichts mehr, wie es war.

Review

Was haben die Skandinavier nur gegen Krankenhäuser? Erst ersann Lars von Trier eine absurd-atmosphärische Schauermär über die Mächte des Spirituellen im Angesicht der modernen Medizin – und schickte sie in Form der ersten Staffel seiner bahnbrechenden TV-Serie „Riget“ (Geister) ins Rennen um die Zuschauergunst (insbesondere unter Cineasten stieß er auf dankbare Abnehmer). Und dann legte sein dänischer Landsmann Ole Bornedal noch im gleichen Jahr mit „Nattevagten“ nach. Es wäre interessant zu erfahren, ob die statistische Anzahl der Arztbesuche in Dänemark nach 1994 deutlich zurückgegangen ist…
Beide Produktionen waren Volltreffer, die auch auf internationaler Bühne bestehen konnten. Bornedal, in seiner Heimat als Produzent, Regisseur und Schauspieler etabliert, verfilmte mit der Geschichte des Studenten Martin sein eigenes Drehbuch fürs Kino und bewies, dass er auch narrativ einiges auf dem Kasten hat. Dabei ist der Plot nicht sonderlich innovativ, aber das will er auch gar nicht sein. Bornedal gelingt es schlicht meisterhaft, erzählerisch wie inszenatorisch, beim Publikum die richtigen Knöpfe zu drücken. Wer „Nightwatch – Nachtwache“ im Dunkeln schaut, wird sich bald eine Lampe anmachen wollen! Und da ist es völlig egal, dass wir derartige filmischen Spannungsmomente und -mittel bereits aus anderen, ähnlich gelagerten Produktionen kennen. Die Geschichte ist schlank und ohne unnötigende retardierende Elemente. Die Regie hat spürbare Freude daran, diesen klassischen „Buh“-Moment zu erzeugen, an welchem ganze Heerscharen von Kinogängern kollektiv vor Schreck zusammenzucken. Wieder und immer wieder. Der angenehm subtile schwarze Humor Bornedals tut sein übriges, um das Publikum bestens zu unterhalten.
Unterstützt von dem atmosphärischen Soundtrack Joachim Holbeks und der darstellerischen Spielfreude seines kleinen Ensembles gelang Bornedal 1994 also ein wahrer Kultfilm, der für die internationale Akzeptanz der dänischen Filmindustrie ein reiner Quantensprung war. Es überrascht nicht, dass wir auch außerhalb des Königreichs in Folge öfters den Schauspielern aus „Nachtwache“ begegneten. Insbesondere Ulf Pilgaard konnte sich in den Jahren nach 1994 über viele weitere, ähnlich gelagerte Rollenangebote freuen. Hauptdarsteller Nikolaj Coster-Waldau gelang der Absprung in die internationale Karriere. Er steht heute für Regisseure wie Ridley Scott (in „Black Hawk Down“, 2001, und in „Königreich der Himmel“, 2005) und Scott Spiegel („My Name Is Modesty. A Modesty Blaise Adventure“, 2003) vor der Kamera. Und wer das sehr wechselhaft verlaufene filmische Experiment „Dogma“ seinerzeit in den Programmkinos verfolgte, wird auch der wunderbaren Sofie Grabol wieder begegnet sein. Krimifans sollten sie ohnehin im Auge behalten.
Doch „Nattevagten“ ist mehr als die Summe seiner Teile. Im Kern des unterhaltsam-gruseligen 107-minütigen Wirbels aus Leichen, Verdächtigungen und dunklen Korridoren steht eine ganz einfache Geschichte. Eine Story über Freundschaft und Verlässlichkeiten, auch in Extremsituationen. Dass Bornedal diese moralische Botschaft in einem Kinoschocker über wahnsinnige Serienmörder und unheimliche Nächte in der Pathologie verpackt, mag als ein weiteres Indiz für seinen eigensinnigen Humor gelten.

Wissenswertes

Wussten Sie schon …? Aktuell spielt Sofie Grabol die Hauptrolle im dänischen Fernsehhit „Forbrydelsen“, einer beliebten Krimiserie. Einen weiteren internationalen Erfolg erzielte Ole Bornedal 2002 mit dem Drehbuch zu „Dina – Meine Geschichte“, das – trotz seines norwegischen Settings – mit Weltstars wie Gerard Depardieu und Christopher Eccleston verfilmt wurde. Jens-Darsteller Kim Bodnia wurde in Dänemark übrigens auch auf der Bühne zum Star. Er spielte Patrick Bateman in einer Theateradaption des umstrittenen Romans von Bret Easton Ellis, „American Psycho“, der im Jahr 2000 von Mary Harron mit Christian Bale verfilmt wurde. Kinogänger kennen Bodnia aber auch aus „In China essen sie Hunde“ („I Kina spiser de hunde“) und dessen Vor-Fortsetzung „Old Men in New Cars“ („Gamle mænd i nye biler“). Wie es sich für einen ausländischen Erfolgsfilm gebührt, wurde „Nattevagten“ auch von Hollywood mit Interesse beäugt. Bornedal selber folgte der von Produzent Steven Soderbergh ausgesprochenen Bitte, ein amerikanisches Remake zu inszenieren. Und wie es sich für amerikanische Remakes gebührt, kann diese Version – trotz Nick Nolte, Patricia Arquette und Ewan McGregor – dem Original nicht das Wasser reichen. Frisch zitiert: „Die düstere und makabere Atmosphäre dieser Geschichte überträgt sich auf die Leinwand: durch die dunklen Zimmer, die nur flackernde Neonröhren erhellen, und durch das zurückgenommene Spiel der Darsteller. Zwar hat die Handlung einige Löcher und das Ende ist recht vorhersehbar (wenn man es denn vorweg erraten möchte), doch lenkt dies nicht von dem überraschend hohen Spannungslevel ab. Wir beobachten den Serienmörder seinen Plan mit großer Intelligenz und Cleverness durchführen – und es fühlt sich an, als zerbürsten unsere Rippen unter dem Druck dieser Spannung. […] Insgesamt ist dieser Film sehenswert, doch seien Sie darauf gefasst, an manchen Stellen minutenlang den Atem anzuhalten!“ - Movie Reviews UK

Hauptdarsteller

  • Martin Nikolaj Coster-Waldau
  • Kalinka Sofie Gråbøl
  • Jens Kim Bodnia
  • Lotte Lotte Andersen
  • Kommisar Wörmer Ulf Pilgaard
  • Joyce Rikke Andersson
  • Rolf Stig Hoffmeyer

Film-Crew

  • Regie Ole Bornedal
  • Drehbuch Ole Bornedal