Originaltitel: Psycho II
USA, 1983
Kinostart: 15.07.1983 (FSK: 16)
ca. 113 Min.
Thriller
Verdient wirklich jeder eine zweite Chance? Nach 22 Jahren in psychiatrischer Haft wird Norman Bates in die Freiheit entlassen – trotz zahlreicher Proteste von Seiten der Angehörigen seiner Opfer und einer von vielen Bürgern unterschriebenen Petition. Norman ist, Verzeihung: war ein Massenmörder. Jetzt kehrt er aber nach Hause zurück, bezieht sein Elternhaus oberhalb von Bates’ Motel erneut und jobbt in einem nahe gelegenen Diner. Als eine neue Mordserie einsetzt und alle Indizien für eine Rückkehr von „Mutter“ sprechen, zweifelt Norman an seinem Verstand. Zurecht?
Es gibt Fortsetzungen, die braucht kein Mensch. Mit ihnen hat niemand gerechnet, auf sie hat niemand gewartet. „Casablanca II“? Was für eine Schnapsidee. „Titanic II – Jack Returns“? Wer würde das schon sehen wollen? Es gibt Klassiker des Kinos, an denen sich Autoren und Regisseure besser nicht vergreifen und um die sie einen Bogen machen sollten, wenn für sie der Zorn und die Häme von Publikum und Kritikern auch nur ein klein wenig von Bedeutung sind. Klassiker wie Alfred Hitchcocks „Psycho“. Der Spannungsthriller aus dem Jahr 1960, inszeniert nach einem Drehbuch von Joseph Stefano und einer Romanvorlage von Robert Bloch, gilt als Meilenstein des Kinos, zählt zum Besten von Hitchcocks Werken und hat unzählbare Regisseure, Autoren und Filmgenres sowie ganze Generationen von Kinogängern schockiert, inspiriert und nachhaltig geprägt. Nach dieser Aussage klingt das Folgende vermutlich unglaubwürdig, kommt aber von Herzen: „Psycho II“ ist ein richtig guter Film!
Gut, es ist nicht Hitchcock. Die Qualität des britischen Regie-Giganten (Das Fenster zum Hof, Der unsichtbare Dritte, Der Mann, der zuviel wusste usw.) erreicht der 2007 im Alter von 58 Jahren verstorbene Australier Richard Franklin hier in keiner Einstellung – aber das weiß er auch selbst. Und stört sich nicht daran. „Psycho II“ bemüht sich gar nicht erst darum, einem Meisterwerk ebenbürtig zu sein – da wäre ein Scheitern nahezu vorprogrammiert. Nein, Franklins Film geht eigene Wege, konsequent und überzeugt. Überzeugend.
Es ist viel passiert, seit wir Norman Bates das letzte Mal sahen. Damals, als er in der Klapse saß und uns per Off-Kommentar wissen ließ, dass er jetzt nicht einmal dieser Fliege auf seinem Handrücken etwas antun werde, um seine Bewacher von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen. Norman hatte Menschen umgebracht, verkleidet (in textiler und mentaler Art) als seine längst verstorbene, herrische Mutter. 22 Jahre ist das jetzt her, sagt „Psycho II“, und wir können uns des Gedankens nicht erwehren, dass Norman wohl noch viele, viele weitere Fliegen verschonen musste, bevor der Begriff „Re-Evaluation“ in Zusammenhang mit seinem Namen auch nur gedacht wurde, geschweige denn ausgesprochen.
Doch nun ist sie da, die große Begnadigung, und Norman Bates kehrt an den Ort seiner Verbrechen zurück. Wo soll er denn auch sonst hin? Unsicher, ängstlich ist dieser neue Norman. Er steht in Schuhen, die ihm selbst zu groß sind, und in einer Welt, die ihn erschreckt – allein durch ihre Präsenz. Es beginnt das, was man wohl normales Leben nennen könnte, wären da nicht Mary, seine neue Arbeitskollegin, und die abendlichen Anrufe von einer Frau, die sich als Normans Mutter ausgibt und eine Rückkehr zu alten Handlungsmustern verlangt. Für den ehemaligen Schrecken Norman Bates beginnt ein wahrer Horror, als Ereignisse geschehen, die er sich nicht erklären kann, die aber darauf hindeuten, dass er nicht Herr seiner Sinne und Handlungen ist.
Wussten Sie schon …? Es dürfte nicht schwer gewesen sein, Hauptdarsteller Anthony Perkins zu einer Rückkehr in seine wohl berühmteste Rolle zu überreden: Zwar zierte sich der New Yorker Mime bei den ersten Vertragsverhandlungen – vermutlich zum Zwecke des Gagenpokers –, sagte dann aber schnell zu, als die Produzenten begannen, die Rolle dann eben anderen Schauspielern anzubieten (darunter Christopher Walken). Robert Bloch hatte 1982 eine Romanfortsetzung zu „Psycho“ verfasst, die in Hollywood aber in Ungnade fiel. Vermutlich, weil sie Hollywood kritisierte. Frisch zitiert: „Ich schrieb Psycho II, bevor es überhaupt ein Drehbuch gab oder Universal plante, einen weiteren Film zu machen. Sie hatten die Filmrechte von Paramount eingekauft, aber ich besaß – und besitze – alle literarischen Rechte. Als ich mich entschloss, einen Roman über meine Meinung zu Splatterfilmen zu schreiben, und nichts anderes war Psycho II, drängte mich mein Agent, das Werk aus Höflichkeit dem Studio zu zeigen. Sie hassten es. Ihnen war der Gedanke unerträglich, dass man ihre Blutbad-Taktiken kritisierte. Sie sagten mir, sie hätten kein Interesse an einer Fortsetzung zu Psycho […] Als aber Vorabkopien meines Romans hier und in Übersee für Aufsehen sorgten, hatte irgendein Hollywoodgenie plötzlich eine tolle Idee. ‚Lasst uns Psycho II drehen!’ schrie er und bewies damit sowohl seine Kreativität als auch sein Talent zum Zählen. Ich muss nicht erwähnen, dass ich nicht an Bord war – ich wurde auch nicht zu einer Vorführung eingeladen. Trotz meiner Abwesenheit war der Film sehr erfolgreich, und die neuen Mathegenies haben sich erhoben und Psycho III angekündigt.“ – Robert Bloch