Originaltitel: Psycho
USA, 1998
Kinostart: 07.01.1999 (FSK: 16)
ca. 109 Min.
Thriller
Um sich mit ihrem Liebhaber Sam Loomis eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, stiehlt Marion Crane ihrem Arbeitgeber 400.000 Dollar und flieht mit dem Auto nach Kalifornien, wo Sam ein Geschäft betreibt. Auf dem Weg weckt sie die Aufmerksamkeit eines Polizisten und mietet sich für die Nacht in einem schäbigen Motel ein, um unterzutauchen. Norman Bates, der schüchterne Eigentümer des Etablissements, hat jedoch unter ganz eigenen Dämonen zu leiden, die auch Marion bald zu spüren bekommt.
Remakes von beliebten und einflussreichen Filmklassikern sind immer so eine Sache. Wenn das Original doch ein Meilenstein des Kinos ist, so die überwiegende Meinung der Cineasten, warum muss man es dann unbedingt neu auflegen? Eine Fortsetzung wäre vielleicht noch marktwirtschaftlich verständlich, aber mit einer neuen Version des Ursprungsfilmes läuft man eher Gefahr, sich öffentlich zu blamieren, als dass man ein veritables Stück Kintopp abliefert, dass neben dem Klassiker bestehen kann. Steven Soderbergh hat es 2002 geschafft, als er eine Neuverfilmung von Stanislaw Lems „Solaris“ inszenierte, die sich bewusst von Andrei Tarkovskys meisterlicher Adaption von 1972 unterschied. Soderbergh setzte ganz andere Schwerpunkte, ganz andere Wertmaßstäbe an Drehbuch, Charakterisierungen und visuelle Umsetzung an und erhielt als Resultat wirklich ein eigenständiges Werk, das man vielleicht mögen oder nicht mögen konnte – das sich aber nur äußerst bedingt mit Tarkovskys Werk vergleichen ließ.
Gus van Sant war längst nicht so weitsichtig. Joseph Stefano, Drehbuchautor von „Psycho“ (1960), „Psycho VI – The Beginning“ (1990) und „Psycho“ (1998) erinnerte sich, dass er mit van Sants Planungen wenig anzufangen wusste: „Ich fand, man hätte es [das Drehbuch] für die Gegenwart verändern müssen, ansonsten wäre es die Mühe einfach nicht wert. Heute empfinden wir immerhin ganz anders. Ich bin nicht der, der ich 1960 war; ich nehme die Welt heute anders war. Aber Gus wollte nichts verändern. Es war sein Traum, oder seine Obsession, den Film nachzudrehen, Einstellung für Einstellung, Zeile für Zeile.“
Van Sants offenkundiger Respekt vor Hitchcocks Werk verleitete ihn eigenen Aussagen zufolge zu der Idee, den Film schlicht zu kopieren. Dabei ging es dem Regisseur gar nicht mal so sehr darum, ein eigenständiges Stück Kino zu erschaffen. Stattdessen wollte er der Frage nachgehen, ob man ein Filmerlebnis wiederholen kann, indem man die Einstellungen des Originals so nah wie möglich kopierte. Ein cineastisches Experiment. Dabei überließ van Sant wenig dem Zufall und erlaubte filmische Neuerungen nur, wenn und wo sich die Technik tatsächlich grundlegend weiterentwickelt hatte und ein Dreh wie vor 38 Jahren schlicht sinnlos gewesen wäre. Ebenso bewusst entschied er sich für einen Farbfilm, was dem Gesamtwerk eine deutlich andere Note verlieh und es wiederum vom Original abhob (Filmkritiker Roger Ebert: „Van Sants Entschluss, in Farbe statt schwarzweiß zu drehen, vervollständigt den Prozess ihrer [Marion Cranes] Ent-Erotisierung. Sie trägt ein orangenes Kleid, das aussieht wie die Polsterung des Lehnstuhls meiner Großmutter.“) Im Drehbuch wurde ebenfalls nur geringfügig und im Detail modernisiert, etwa bei der Nennung von Geldbeträgen, die inflationsgemäß angehoben wurden, oder durch die Erwähnung eines „Walkman“.
Was das Ganze sollte, wusste wohl auch Van Sants Ensemble nicht immer so genau. Vince Vaughn als Norman Bates spielt, als bemühe er sich nach Kräften (und erfolgreich) keine Anthony-Perkins-Kopie zu geben, obwohl Drehbuch und Kameraführung doch genau dieses suggerieren, und Anne Heche geht ihre Marion Crane so betont anders an, dass es schon nahezu komisch wirkt, Janet Leighs Sätze aus ihrem Mund zu hören. Unfreiwillig komisch.
Van Sants Experiment scheiterte: Nicht zuletzt, weil Publikum und Kritik mit seiner abstrus anmutenden Prämisse ohnehin nichts anzufangen wussten. Und so ist dieser bis dato letzte Ausflug ins „Psycho“-Universum nicht mehr als eine Randnotiz, die bestenfalls noch für angehende Regisseure und Filmwissenschaftler von Interesse sein dürfte.
Wussten Sie schon …? Gus van Sants Neuverfilmung wurde mit zwei Goldenen Himbeeren ausgezeichnet, dem Anti-Oscar für die schlechtesten filmischen Leistungen des Jahres. Sie gewann in den Kategorien Schlechtestes Remake oder Fortsetzung und Schlechtester Regisseur. Van Sant benutzt ein Stilmittel, auf das Hitchcock in dem Maße verzichtete: Blut. Während der berühmten Duschszene, die er ohnehin anders inszeniert, findet sich das rote Zeug auch an Stellen, die im Original rein blieben. In Kevin Smiths Film „Jay and Silent Bob Strike Back” hat van Sant einen Gastauftritt. Er spielt sich selbst während der Dreharbeiten zu einem (fiktiven) Sequel seines größten Kassenerfolges: „Good Will Hunting 2: Hunting Season“. Frisch zitiert: „Ich habe Hitchcocks ‚Psycho’ erst vor einer Woche wieder gesehen. Bei dieser neuen Fassung fühlte ich mich, als sähe ich einer Theatertruppe aus der Provinz zu, welche ihr Bestes versucht, aber ohne das Broadway-Ensemble auskommen muss. Ich entsann mich des Wunderkinds, das für einen berühmten Pianisten spielen sollte. Das Kind kletterte auf den Pianistensitz und spielte etwas von Chopin mit Tempo und Genauigkeit. Doch dann strich ihm der große Musiker über den Kopf und sagte: ‚Du kannst die Noten spielen. Eines Tages spielst du vielleicht auch die Musik.’“ - Roger Ebert