Originaltitel: Sette orchidee macchiate di rosso
Deutschland, Italien, 1972
Kinostart: 30.06.1972 (FSK: 16)
ca. 85 Min.
Thriller
Eine rätselhafte Mordserie versetzt Rom in Angst und Schrecken. Scheinbar wahllos tötet ein Unbekannter junge Frauen und hinterlässt eine Visitenkarte bei den Leichen: einen silbernen Halbmond. Auch Gulia, frisch angetraute Gattin des jungen Mario, fällt dem Wahnsinnigen zum Opfer, überlebt den Anschlag aber. Die Polizei lässt dennoch eine Beerdigung inszenieren, um unter den Trauergästen – vergeblich – nach einem Täter zu fahnden. Plötzlich erinnert sich Gulia, dass sie den Halbmond bereits einmal gesehen hat: am Schlüsselbund eines Fremden, dem sie einst in einem Hotel begegnet war.
Für diesen letzten Film der Edgar-Wallace-Ära des deutschen Kinos setzte die Produktionsfirma Rialto Film abermals auf die Zugkraft internationaler Koproduktionen. Vorbei waren die Tage, in denen man das breite Publikum mit stereotypen Krimi-Schmonzetten vor teutonischer Studiokulisse oder im Hamburger Hafen – der für London doublete – begeistern konnte. Vorbei die Tage, in denen man mit Stammschauspielern wie Eddi Arent, Klaus Kinski und Konsorten und Regisseuren wie Dr. Harald Reinl und Alfred Vohrer ein ganzes Genre prägte. Die 1970er waren da, und die Wallace-Filme sahen sich einem geänderten Weltbild und vor allem geänderten Geschmäckern gegenüber. Mit wechselndem Erfolg versuchte das Kreativteam um Produzent Horst Wendlandt auf die Zeichen der Zeit zu reagieren und setzte verstärkt auf die Zusammenarbeit mit dem zumeist italienischen Ausland. „Das Gesicht im Dunkeln“ war auf diese Weise entstanden und gefloppt, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ ein überraschend brauchbarer Thriller geworden – wie würde sich „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ an den Kinokassen schlagen?
Wie sehr sich die deutsche Rialto schon innerlich von ihrer Wallace-Reihe verabschiedet hatte, beweist unter anderem die Darstellerriege dieser Produktion. Hatte man bei den vorherigen Koproduktionen wenigstens immer noch ordentlich zugkräftige Namen aus dem eigenen Stammensemble entliehen, beschränkte sich die deutsche Beteiligung vor der Kamera bei diesem letzten Film auf gerade einmal drei Namen: die der Wallace-erfahrenen Petra Schürmann, Marisa Mell (eigentlich eine Österreicherin) und die Hauptdarstellerin Uschi Glas. Der Rest des Teams stammte aus Italien, wo dieser Film nicht nur gedreht wurde, sondern auch spielte! Dies ist besonders erwähnenswert, da durch den bekennenden Wechsel des Schauplatzes auch der letzte Bezug zum Werk des Namensgebers Edgar Wallace flöten ging. Zugegeben: Die Filme hatten nie allzu viel mit ihm zu tun, aber bisher meist noch den Hauch der Authentizität vorgegaukelt.
Ebenfalls ungewöhnlich: Der hohe Gewaltfaktor. Um eine wirtschaftlich halbwegs vertretbare FSK-Freigabe zu erhalten, lief der „Halbmond“ in Deutschland nur in einer um satte zwanzig Minuten gekürzten Fassung in den Kinos. Was in diesen geschah, kann man sich schon vorstellen, wenn man den Begriff hört, unter dem die Presse den Film führt: Giallo. Diese italienische Subkategorie des Thrillers zeichnet sich u.a. durch Gewaltdarstellungen und spektakulär inszenierte Morde aus, setzte also auf starke visuelle Qualitäten. Regisseure wie Mario Bava („Blutige Seide“) hatten den Giallo in den 1960ern etabliert, „Halbmond“-Regisseur Umberto Lenzi sah sich in dieser Tradition.
Lenzi, der gemeinsam mit Roberto Gianviti das Drehbuch nach einer Vorlage von Paul Hengge geschrieben hatte, scherte sich nicht groß um den Stil und die Atmosphäre früherer Wallaces und schuf einen ganz eigenen Thriller, der eher als eigenständiges Werk denn Teil der Filmserie funktioniert. Lenzi hatte bereits Zorro und Robin Hood fürs italienische Kino verwertet, Gladiatoren- wie Westernfilme gedreht und ein eigenes Subgenre begründet: den italienischen Kannibalenfilm. (Nochmals gefragt: Eddi Arent, Sir John vom Scotland Yard… und dann Kannibalen?)
Vom Einspielergebnis dieses Filmes erwartete sich die Rialto in Deutschland nicht mehr allzu viel. Die Produktionskosten trug man dank internationaler Produktion und Vermarktung nur zum Teil, und allein die Tantiemen würden sie schon mit refinanzieren. Aufgrund der offenkundigen Werksferne des Filmes zu Edgar Wallace – oder zumindest zu dem, was im deutschen Kino über ein Jahrzehnt lang als Wallace verkauft worden war –, ist es nur konsequent, dass Rialto seinen weiteren Kriminalfilmen nicht auch noch das Wallace-Siegel aufpfropfte. Es hatte schon beim „Halbmond“ nicht mehr gepasst.
Wussten Sie schon …? Der Film wurde unter dem Arbeitstitel „Sieben Gesichter für die Mörderin / Sette volti per l’assassino“ realisiert. Frisch zitiert: „Dieser Streifen enthält nunmehr weder inhaltlich noch formal auch nur Relikte, die einen Anspruch auf Klassifizierung als Edgar-Wallace-Verfilmung rechtfertigen könnten. Faktisch ein rein italienischer Film, der mit Wallace nur noch die aufgesetzten Titel-Schüsse gemeinsam hat. Der Versuch darin eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Wallace-Stils anpreisen zu wollen war in immenser Weise unredlich und sachlich falsch. […]. Es wäre von Produktion und Verleih fairer gegenüber dem Publikum gewesen, derartige Filme ohne den erkennbar an den Haaren herbeigezogenen Etikettenschwindel ins Kino zu bringen. Heute wäre uns das notwendige Übel erspart, diese Produktionen bei der Zählung der Wallace-Filme gezwungenermaßen mit aufführen zu müssen.” - Deutscher-Tonfilm.de