Originaltitel: Spoorloos
Frankreich, Niederlande, 1988
Kinostart: unbekannt (FSK: 16)
ca. 107 Min.
Horror, Mystery, Thriller
Die Holländer Rex Hofman und Saskia Wagter sind im Urlaub in Frankreich unterwegs, als Saskia von einem Zwischenstopp an einer Raststätte einfach nicht mehr zurückkehrt. Rex, der im Auto wartete, vermutet ein Gewaltverbrechen und setzt Himmel und Menschen in Bewegung, um seine Freundin wiederzufinden – vergeblich. Rex plakatiert Innenstädte, spricht mit Ermittlern und tritt sogar im Fernsehen auf, um Saskias Geschichte zu erzählen. Und doch ist er nach drei Jahren noch keinen Schritt weiter, im Gegenteil: Seine Suche wird zur Obsession, unter der sein Leben stark leidet. Eines Tages meldet sich der Entführer und bietet Rex an, seine Fragen zu beantworten…
Würden Sie mitgehen, wenn Sie ein Mann mit Gipsarm an einer Autobahnraststätte um Hilfe bittet? Und wie lange würden Sie warten, würden Sie kämpfen, um Antworten auf Fragen zu erhalten, die schon längst niemanden mehr bewegen – niemanden, außer Ihnen selbst? Wo ist die Grenze zwischen Kampfeswille und Wahnsinn, gerechtem Zorn und Selbstaufgabe?
„Spoorloos“ stellt viele Fragen, ähnelt somit seiner Hauptfigur Rex, und überlässt die Antworten seinem Publikum. Für den holländischen Regisseur George Sluizer (Jahrgang 1932) ist der packende Thriller bis heute der größte Publikumserfolg. Sluizer, 1961 Preisträger des Silbernen Bären für einen Kurzfilm, verfilmte mit „Spoorloos“ einen Roman des Amsterdamer Autors und Schachprofis Tim Krabbé, welcher 1984 unter dem Titel „Het Gouden Ei“ veröffentlicht wurde (seit 2004 existiert auch die deutschsprachige Buchausgabe unter dem korrekten Titel: „Das goldene Ei“ ist bei Reclam, Leipzig erschienen). Der Name bezieht sich auf einen wiederkehrenden Albtraum des Protagonisten, der im Buch davon träumt, seine Freundin irgendwann in einem goldenen Ei wiederzufinden. George Sluizers Drehbuchadaption spielt gekonnt mit dieser nahezu surreal anmutenden Prämisse und suggeriert, bei dem Ei handele es sich um Rex unterbewusste Erinnerung an die golden leuchtenden Autoscheinwerfer des Wagens, der ihm seine Saskia entführte.
Der Spannungsaufbau des Filmes ist bemerkenswert. Sluizer beginnt mit der Katastrophe schlechthin: Ein geliebter Mensch verschwindet, und es gibt keinerlei Erklärung. Darauf aufbauend, präsentiert der Plot sich uns zweigeteilt. Auf der einen Ebene verfolgen wir Rex’ jahrelangen Kampf gegen das Vergessen und für eine Wahrheitsfindung, der irgendwann in einen Wahnsinn überschwenkt, aus dem sich der Protagonist vermutlich nie mehr wird befreien können. Wir leiden mit ihm, denn sein Schmerz ist nachvollziehbar. Aus der emotionalen Nähe, die wir als Zuschauer zu Rex’ Kreuzzug aufbauen können, zieht „Spoorloos“ seine Relevanz und Power. Wenn aus der Suche letztlich eine Obsession, ein Selbstzweck und letzter Lebensinhalt wird, schmerzt es das Publikum.
Parallel dazu gewährt uns das Drehbuch Einblicke in die Wahrheit, welche Rex verwehrt bleibt: Wir sehen den Täter, den Entführer in Rückblenden. Sind Teil seiner Genese, seiner origin story und erleben mit, wie und warum er mit Betäubungsmitteln experimentiert und sich nach dem perfekten Ort und dem perfekten Vorwand umsieht, um begehrenswerte Frauen in sein Auto zu locken. Dummerweise ist es Saskia, bei der es schließlich funktioniert. Deren Darstellerin Johanna ter Steege erhielt für ihr eindringliches Spiel 1988 den Europäischen Filmpreis.
Überhaupt räumte der Thriller nach seinem Kinostart auch auf Festivals ab und entwickelte sich im In- und Ausland zu einem echten Geheimtipp. 1993 war auch Hollywood auf ihn aufmerksam geworden und engagierte Sluizer, ein amerikanisches Remake zu drehen. Der Ami als solcher schaut halt keine europäischen Filme…
Wussten Sie schon …? „Spurlos verschwunden“ wurde parallel in drei verschiedenen Sprachen (Französisch, Niederländisch, Englisch) gedreht, um international vermarktbar zu sein. Dennoch war ein US-Remake erforderlich, um auch den Weltmarkt zu erobern. Hauptdarstellerin Johanna ter Steege verpasste 1990 haarscharf eine große Chance: Stanley Kubrick („2001 – Odyssee im Weltraum“, „Uhrwerk Orange“, „Full Metal Jacket“) hatte sie, die auch schon für Robert Altman vor der Kamera stand, für die Hauptrolle in seinem geplanten Auschwitz-Drama verpflichtet. Doch dann kam Steven Spielberg mit „Schindlers Liste“ in die Kinos, und Kubrick legte sein eigenes Projekt zu den Akten. Ähnlich muss sich auch George Sluizer gefühlt haben, als ihm im Oktober 1993, elf Tage vor Fertigstellung eines großen Hollywoodstreifens, der Hauptdarsteller verstarb. „Dark Blood“, so der Titel des Streifens, hätte ein River-Phoenix-Film werden sollen. Er ist bis heute unvollendet; aus dem existierenden Filmmaterial will Sluizer irgendwann einmal eine Dokumentation über den Star schneiden. Für die US-Version dieses Films, die 1993 entstand, musste das Ende der Geschichte grundlegend verändert werden – eine Entscheidung, die der Story jegliche dauerhafte Relevanz nahm. Frisch zitiert: „Zu den beeindruckendsten Aspekten von ‚Spurlos verschwunden’ gehört die ungewöhnliche Struktur des Filmes, der Spannung aufbaut, obwohl er uns alles zu zeigen scheint, das wir wissen wollen. […] Nahezu vom Beginn des Filmes an wissen wir mehr als der Ehemann. Doch je mehr wir erfahren, desto mehr rätseln und bangen wir.“ - Chicago Sun Times