Space-View Filmguide: Spider (Spider, 2002)

Spider (Spider, 2002)

Fakten

Originaltitel: Spider (Spider, 2002)
Großbritannien, Frankreich, Kanada, 2002
Kinostart: 10.06.2004 (FSK: 12)
ca. 98 Min.

Genre

Thriller

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Kurzübersicht

Dennis Cleg, seit seiner Kindheit mit dem Spitznamen “Spider” versehen, wird aus einer psychatrischen Anstalt entlassen und findet Quartier im Haus der resoluten Mrs. Wilkinson, die Zimmer vermietet. Für Cleg, der von einer nahezu manischen Unruhe angetrieben wird, ist dieser Wohnortwechsel eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, hat er in der Nachbarschaft doch seine Kinderjahre verbracht. Auf tagelangen Wanderungen durch die Umgebung und in nächtelangen Grübel-Sessions in seinem Zimmer versucht Cleg, diese Zeit mental zu rekonstruieren und stößt dabei auf ein schockierendes Geheimnis. Oder vielleicht doch nicht?

Review

Der Name David Cronenberg ist Filmliebhabern weltweit ein fester Begriff. Mit Werken wie „The Dead Zone”, „eXistenz” oder „Naked Lunch” hat der kanadische auteur eine Kreativität bewiesen, die einfach gern gesehen wird. Umso unverständlicher, dass seine Filme Anfang des Jahrtausends vermehrt Schwierigkeiten hatten, in den deutschen Verleih zu geraten. Zwar findet sich Cronenberg damit in guter Gesellschaft – immerhin hat auch so mancher Woody-Allen-Film jüngst keinen deutschen Verleih mehr gefunden, ein erschreckender Zustand! –, aber bedenklich ist es schon. Da werden dramaturgische Hohlbirnen in jedem Multiplex Deutschlands bis zu fünf Mal am Tag gespielt, aber ein Cronenberg darf nicht einmal in die Programmkinos... Ganze zwei Jahre dauerte es, bis sich die deutschen Lichtspielhäuser „Spider“s annahmen. Die DVD war zu dieser Zeit – im Sommer 2004 – längst erschienen.
David Cronenberg adaptiert einen Roman von Patrick McGrath. Zwar zeichnet dieser auch für das Filmdrehbuch verantwortlich, doch finden sich so viele typische Manierismen des Regisseurs in der Dramaturgie von „Spider”, dass man zumindest von einer sehr engen Zusammenarbeit der beiden ausgehen kann. Wie bereits in vielen Vorgängern befasst sich der Kanadier einmal mehr mit der Frage nach der Wirklichkeit der Realität und den verschiedenen Gesichtern von Individuen. Der Zuschauer wird gemeinsam mit Spider in eine Geschichte geworfen, deren Inhalt sich ihm erst nach und nach erschließt. Selbst am Ende des Filmes hält sich ein hartnäckiger Zweifel, ob das gerade erschlossene (und einfach auffallend konventionelle) Finale auch wirklich die endgültige Auflösung der Geschichte darstellt. Cronenberg erzählt allein aus der Sicht seines Protagonisten, und der von Ralph Fiennes vorzüglichst dargestellte Dennis ist nun einmal mental behindert. „A tale told by an idiot“, wie schon Shakespeare schrieb – wollen wir da wirklich glauben, was wir sehen?
Denn es geht um viel, nämlich um den Tod der von Spider vergötterten Mutter (Miranda Richardson). Wer war es, der damals für ihr Ableben verantwortlich zeichnete? Der Vater Bill (Gabriel Byrne) vielleicht? Oder dessen Affaire Yvonne (abermals Miranda Richardson)?
Cronenberg spielt virtuos mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer und wirft uns in unseren Ermittlungen immer wieder narrative Steine in den Weg: Wenn das so ist, dann kann doch das nicht gewesen sein...? Vergleiche mit den Handlungskonstrukten eines David Lynch sind seit „Mulholland Drive” leider zutiefst inflationär geworden, aber die narrative Struktur von „Spider” erinnert durchaus an die gewohnten Lynchismen, wenn auch in einer light-Version.
Die Optik des Films passt sich den Charakteren und ihrem Erscheinungsbild an: Graue, triste Proletariats-Bauten, herrlicher Cockney-Akzent (insofern war es ein wahrer Segen, dass es von „Spider” lange keine deutsche Tonspur gab) und viele zwielichtige Gestalten, darunter auch „Akte X“-Bösewicht John Neville in einer Nebenrolle.

Wissenswertes

Wussten Sie schon …? Patrick McGrath ist in Literaturkreisen als Autor von Romanen und Geschichten bekannt, die aufgrund ihrer Themen und des atmosphärischen Erzählstils dem Genre des Schauerromans zugerechnet werden. Der gebürtige Brite lebt und arbeitet heute in New York, wo „Spider“ 1990 auch erstveröffentlicht wurde. Die Romanvorlage dieses Thrillers ist 1992 auch auf deutsch erschienen und aktuell in der Übersetzung von Brigitte Walitzek beim Ullstein Verlag erhältlich. Auch das Kino hatte sich vor Cronenbergs Film schon an McGraths Stoffen versucht. 1995 entstand in Großbrittanien „The Grotesque“ (dt.: Butler morden leiser), nach seinem gleichnamigen Romanerstling. In einer Hauptrolle: Musiker Sting. Auf dem Toronto International Film Festival wurde „Spider“ 2002 zum Besten Film erklärt. Außerdem lief er im Wettbewerb von Cannes. Hauptdarsteller Ralph Fiennes ist spätestens seit „Schindlers Liste“ und „Der englische Patient“ ein Weltstar. Aktuell sieht man ihn in der wiederkehrenden Rolle des Erzbösewichts Tom Riddle alias Lord Voldemort in den britisch-amerikanischen Harry-Potter-Filmen. Frisch zitiert: „[…] ich schreibe jetzt, um die Angst in Schach zu halten, die mich unweigerlich überfällt, wenn die Stimmen auf dem Dachboden allabendlich laut werden. Sie sind schlimmer geworden, verstehen Sie, viel schlimmer, und nur durch den Fluß meiner eigenen Worte gelingt es mir, das Getöse ihrer Worte zu übertönen. Ich wage nicht, daran zu denken, was für Konsequenzen es haben würde, sollte ich das Schreiben aufgeben und ihnen zuhören.“ - Patrick McGraw, „Spider“, 1990

Hauptdarsteller

  • Dennis "Spider" Cleg Ralph Fiennes
  • Yvonne Miranda Richardson
  • Bill Cleg Gabriel Byrne
  • Spider (jung) Bradley Hall
  • Mrs. Wilkinson Lynn Redgrave
  • Terrence John Neville
  • Freddy Gary Reineke
  • John Philip Craig

Film-Crew

  • Regie David Cronenberg
  • Drehbuch Patrick McGraths