Originaltitel: The Big Sleep
USA, 1946
Kinostart: unbekannt (FSK: 16)
ca. 114 Min.
Mystery, Thriller
Privatdetektiv Phillip Marlowe gerät in seinem aktuellen Fall an die Grenzen seiner Leistungskraft. Eigentlich soll er sich ja um Carmen kümmern, die jüngste Tochter des konservativen Generals Sternwood. Sie hat Spielschulden bei einem örtlichen Buchhändler, und Marlowe soll Sorge tragen, dass die Angelegenheit ohne öffentliches Aufsehen erledigt wird. Doch als Geiger tot aufgefunden wird und ein Unbekannter droht, den Mord der drogenvernebelten Carmen anzuhängen, sofern Sternwood nicht zahlt, steckt Marlowe Hals über Kopf in einer hässlichen Geschichte aus Erpressung, Entführung und mehrfachem falschen Spiel.
Es war eine dieser langen Filmbesprechungen, wie man sie so oft liest. Zeile um Zeile erschienen Worte auf der Website, als gäbe es sie für wenig Geld, und sie berichteten von einem Streifen, den die Welt kannte. Einem Klassiker mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall, einem Howard-Hawkes-Film. „Lobe mich“, hatte der Film gesagt, als er in meinem Büro erschien, schön wie der Morgen und kalt wie die Sünde. „Lobe mich und liste meine Vorzüge auf, beginnend mit den Obskuren. Das reizt zum Weiterlesen.“
Er hatte Recht, aber es ging nicht. Ich konnte keine Rezension damit beginnen, dass das American Film Institute die Hauptfigur des betreffenden Streifens gerade auf Platz 32 der größten Filmhelden aller Zeiten gewählt hatte. Es hätte lächerlich gewirkt. Ich konnte nicht erwähnen, dass sowohl Regisseur als auch die Drehbuchautoren während seiner Entstehung vermehrt vor dem kompliziert verschachtelten Plot kapitulierten und zeitweise selbst nicht wussten, wer denn nun ihr Mörder war. Es hätte nur Neuzuschauer abgeschreckt. Nein, ich musste konventioneller an die Sache herangehen, und wenn dem Film das nicht gefiel… Sorry, Puppe, es ist eine böse Welt da draußen.
Hupps, da ging doch tatsächlich der film noir-Erzähler mit dem Rezensenten durch; bei einem Film wie „Tote schlafen fest“ ist das aber nicht verwunderlich. Neben „Die Spur des Falken“ gibt es vermutlich keinen berühmteren Vertreter dieses Krimigenres der hartgekochten Detektive, zwielichtig-begehrenswerten femmes fatales und windigen Gauner. Niemand geringeres als der große Regisseur Howard Winchester Hawks, Star der guten alten Hollywoodzeit, inszenierte diese erste Adaption des Romans von Raymond Chandler nach einem Drehbuch, an welchem sogar der spätere Literaturnobelpreis-Träger William Faulkner mitarbeitete. Chandlers Buch war 1946 gerade mal sieben Jahre auf dem Markt – und sollte noch ganze Generationen von Lesern und Literaturschaffenden mit seiner ganz eigenen Erzählweise und der verworrenen Geschichte faszinieren. Wobei verworren natürlich nicht mit unlogisch gleichzusetzen ist. Buch wie Film liefern einen beeindruckend homogenen Krimiplot, der Marlowe tief in eine ganze Kette von Verbrechen verwickelt. Und wie so oft in dererlei Geschichten sind es die Frauen, welche den Held hinein locken, allen voran Lauren Bacall als Vivien Sternwood. Bacall war gerade erst 22 Jahre alt und hatte – nicht zuletzt dank ihres Entdeckers Hawkes – bereits einige namhafte Filme abgedreht, auch mit Bogart als Co-Star. Der deutlich ältere Schauspieler hatte Gefallen an Bacall gefunden, man traf sich auch privat des Öfteren – und 1945 läuteten sogar die Hochzeitsglocken. Diese Chemie übertrug sich auf die Leinwände, und auf Howard Hawkes, der in späteren Jahren gerne selbst bei der jungen Frau Bogart gelandet wäre. Tatsächlich ließ das Filmstudio noch extra Szenen mit Bogart und Bacall nachdrehen, um von der Publicity zu profitieren, welche das Schauspieler-Ehepaar gerade in den Boulevardblättern genoss. Auch wurden die Einstellungen mit Martha Vickers (Carmen) vor Kinostart massiv zusammengeschnitten, um Bacall als leading lady des Filmes zu etablieren. Der Plan ging auf – „The Big Sleep“ wurde ein großer kommerzieller und künstlerischer Erfolg.
1978 folgte eine Neuverfilmung, diesmal in Farbe, welche den Handlungsschauplatz von den kalifornischen Hügeln weg und ins britische London verlagerte. Robert Mitchum gab in dieser Zweitversion von Regisseur Michael Winner („Ein Mann sieht rot“) den Phillip Marlowe, und eine andere Hollywoodlegende – nämlich James Stewart – spielte General Sternwood. Diese neue Version erlaubt sich in Punkto Gewalt, Sprache und visueller Freizügigkeit deutlich mehr als das Original, doch fehlt ihr schlicht das film noir-Feeling.
Der Mord an Owen Taylor, im Film und Roman geschildert, bleibt ungeklärt. Selbst Autor Chandler musste erschreckt feststellen, dass er diesen Handlungsstrang nicht mehr beenden konnte. Wer der Mörder war, wusste er selbst nicht. Ende der 1990er wurde eine frühere Schnittfassung von „The Big Sleep“ gefunden – eine, die noch nicht durch die Änderungen von Studioseite betroffen war. Für ihre Restauration zahlten zahlreiche Investoren, unter ihnen auch Playboy-Gründer Hugh Hefner.