Originaltitel: The Talented Mr. Ripley
USA, 1999
Kinostart: 17.02.2000 (FSK: 12)
ca. 139 Min.
Thriller
Tom Ripley, ein junger und perspektivenloser Mann aus der New Yorker Arbeiterklasse, bekommt die Chance seines Lebens: Großunternehmer Herbert Greenleaf bittet ihn, in Italien nach seinem Sohn Dickie zu suchen und den einstmals Verstoßenen wieder nach Hause zu bringen, wo eine Stellung im Familienunternehmen auf ihn warte. Ripley reist nach Italien und ist vom dortigen, und von Dickie offen zur Schau gestellten Lebensgefühl so angetan, dass er für immer bleiben möchte. Seine Obsession geht sogar so weit, dass er Dickie tötet und dessen Identität annimmt.
Remakes haben es selten einfach, auch wenn sie sich gar nicht als Remake verstehen. Als sich Anthony Minghella, mit dem Oscar prämierter britischer Regisseur von „Der englische Patient“ (The English Patient, 1996), Ende der 90er Jahre daran machte, Patricia Highsmiths Roman als nächstes Filmprojekt zu realisieren, dürfte René Clements „Plein Soleil“ von 1960 die letzte seiner Sorgen gewesen sein. Clement hatte sich 1960 bereits des Romanstoffes angenommen, Alain Delon die erste große Hauptrolle verpasst und ein Krimi-Psychogramm geschaffen, das sich als genauso zeitlos erwies, wie Highsmiths literarische Vorlage. Fans des Romans und die Freunde von Clements Werk zeigten sich dementsprechend äußerst unbeeindruckt von Minghellas Vorhaben einer Neuverfilmung. Zudem galt der vom Regisseur präferierte Hauptdarsteller Matt Damon eher als Hollywood-Schönling, dem man eine emotionale Charaktertiefe, wie sie die Rolle des zwielichtigen Ripley nun einmal erfordere, einfach nicht zutraute.
Die Kritiker sollten sich irren. Ganz im Gegenteil zu ihren Befürchtungen, machte Damons Spiel Amerika erst auf Ripley aufmerksam – und diese Aufmerksamkeit hält bis heute an. Minghella, der auch das Drehbuch zu „Der talentierte Mr. Ripley“ mitverantwortete, hielt sein unausgesprochenes Versprechen und lieferte einen Film ab, der sich von Beginn an auf eigenen Beinen hält und mit Clements Verfilmung wenig direkte Berührungspunkte aufweist, sieht man von der identischen Grundstory ab. Als Regisseur bildgewaltiger Kintopp-Fantasien nutzte Minghella das italienische Setting des Romans, und schrieb sich entsprechend kamerafreundliche Hintergründe ins Drehbuch: Die Handlung führt den Zuschauer nach Rom, nach Venedig – und auf die Insel Ischia, auf der bereits Clement drehte.
„Der talentierte Mr. Ripley“ hält sich vergleichsweise genau an die gleichnamige und auf Deutsch bei detebe erschienene Buchvorlage der britischen Starautorin Highsmith, geht aber in einigen Aspekten auch bewusst eigene Wege. So entspringt die von Cate Blanchett dargestellte Figur der Meredith Logue komplett Minghellas Fantasie. Logue lernt Ripley in Italien kennen, als sich Tom bereits bewusst mit dem Gedanken anfreundet, wie sein Idol Dickie zu leben. Er stellt sich ihr als Dickie Greenleaf vor, was im weiteren Verlauf der Handlung für Spannung sorgt, da Meredith so zu einer Art Geheimnisträger wird: Ohne es selbst zu wissen, kann sie Toms Tarnung gefährlich werden. Auch Merediths Freund Peter Smith-Kingsley, dargestellt von Jack Davenport, ist in Minghellas Drehbuch sehr präsent, im Roman aber nur eine Randfigur. Im Film gehen Ripley/Greenleaf und Peter schließlich sogar eine Beziehung ein.
Überhaupt: Sexualität. Minghella erkennt und betont den erotischen Subtext des Romans sehr gut und sehr bewusst – ein Thema, das Clement seinerzeit nur andeuten konnte. Tom Ripley fühlt sich nicht nur ideel und finanziell von Dickie angezogen; sein Wunsch, selbst zu einem Dickie Greenleaf zu werden, fußt zu einem nicht geringen Teil auch auf sexueller Anziehung. Marges Abneigung ihm gegenüber ist also auch durch bloße Eifersucht zu begründen. Patricia Highsmith machte aus diesem latent homoerotischen Aspekt ihres Romanhelden keinen Hehl, und Minghella tut es ihr gleich, ohne das Thema unnatürlich breit auszuwalzen.
Kleinere Freiheiten erlaubt sich Minghella auch bei der Charakterisierung Dickies. Im Roman noch als verwöhnter Playboy und Lebemann dargestellt, weist Jude Laws Filmfigur auch deutlich dunklere, gewaltbereite Seiten auf, wenn es die Situation verlangt. Abermals stellt sich die Frage, welche Figur der eigentliche Bösewicht dieses Stückes ist: Ripley oder Dickie?
Entsprechend abrupt und impulsiv erweist sich auch die Tötung des Dickie Greenleaf. Wo Tom im Roman und in Clements Film noch minutiös plante, agiert er hier spontan und „nach Bauchgefühl“ – mit tödlichem Ausgang.
Wussten Sie schon …? Obwohl noch längst nicht alle Romane der „Ripleyade“, des fünfbändigen Zyklus über Tom Ripley, verfilmt sind, wurden bisher zwei von ihnen gleich zweimal fürs Kino adaptiert. Minghellas Produktion machte Hollywood erneut auf Patricia Highsmiths Werk und vor allem auf ihren charismatischen Antihelden Tom Ripley aufmerksam. Nachdem Minghellas Streifen ausgewertet war, versuchten sich noch die Regietalente Roger Spottiswoode und Liliana Cavani jeweils erfolgreich an Ripley-Romanen. „Der amerikanische Freund“, die dritte Verfilmung eines Ripley-Titels, war der erste Film der Reihe, den Patricia Highsmith nicht mehr erleben konnte. Die Autorin verstarb im Februar 1995 an Leukämie. Alfred A. Knopf, Highsmiths langjähriger amerikanischer Verleger, hatte den letzten von der Autorin zu Lebzeiten fertig gestellten Roman 1994 abgelehnt. Als Minghellas Film ein Kassenerfolg wurde, legte Knopf die Ripley-Bücher erneut auf.