Originaltitel: The Traitor’s Gate
Deutschland, Großbritannien, 1964
Kinostart: unbekannt (FSK: 12)
ca. 87 Min.
Thriller
Trayne ist ein Londoner Geschäftsmann mit Blick fürs Wesentliche, was in seinem Fall bedeutet: für den großen Coup. Denn unter Traynes sozialer Fassade schlummert der Kern eines Großkriminellen – Trayne hat es auf die Kronjuwelen im Londoner Tower abgesehen und bereits einen genialen Plan erarbeitet, um diese in seinen Besitz zu bringen und in Amsterdam zu verkaufen. Dazu verhilft er dem Knastbruder Arthur Graham zur Flucht, der dem Wachmann des Towers zum Verwechseln ähnlich sieht. Graham soll den Wächter doublen und Traynes Bande so den Weg zu den Juwelen freimachen. Doch es kommt anders, als Graham von dem falschen Spiel erfährt, das ihr Oberboss mit ihm treibt.
Gerhard Fritz Hummel war weg. Der Mitinitiator und -betreuer der Edgar-Wallace-Filmreihe (und anderer Produktionen, darunter die nicht minder populären Winnetou-Filme mit Pierre Brice) hatte den Verleih Constantin 1963 verlassen und eine Karriere beim Fernsehen ein, wo er Produktionschef des Westdeutschen Rundfunks wurde. Man merkt dem „Verrätertor“ an, das er fehlt.
Sechzehn Filme lang hatte Hummel Drehbücher bearbeitet und genehmigt, Schauspieler, Regisseure und Autoren bewilligt oder abgelehnt – und diese Form der Endkontrolle war der Produktionsfirma Rialto Film stets gut bekommen. Selbst die Reihenfolge, nach welcher die Wallace-Streifen produziert und freigegeben wurden, hatte Hummels Kontrolle unterstanden. Doch Produzent Horst Wendlandt war überzeugt, auch ohne ihn weitermachen zu können.
Um die lange geplante Verfilmung des Wallace-Romans „The Traitor’s Gate“ aus dem Jahr 1927 endlich anzugehen, entsann sich Wendlandt der Kooperation mit den britischen Filmschaffenden, die schon dem „Geheimnis der gelben Narzissen“ zugute gekommen war. Er wollte abermals eine internationale Zusammenarbeit auf die Beine stellen und nahm die britische Summit Films mit an Bord. Mit der Unterstützung dieses Londoner Unternehmens war es ihm möglich, den Roman an den Originalschauplätzen in Szene zu setzen, anstatt ihn (wie so oft) in deutschen Studios zu drehen.
Wie so oft hatte Dr. Hanns Wiedmann bereits ein Drehbuch verfasst (das unter dem Arbeitstitel „Der leuchtende Schlüssel“ kursierte), es wurde aber noch mehrmals überarbeitet. Auch die ursprünglich vorgesehene Besetzungsriege mit den vertrauten Gesichtern Joachim Fuchsbergers, Karin Dors, Hans Clarins und anderen Wallace-Alumni wurde bis zum Drehstart noch mehrfach umgeworfen – Resultat der internationalen Ausrichtung des Filmes. Man drehte in England, also drehte man auch auf Englisch und übernahm gleich einige der Hauptdarsteller von dort. Kuriosum am Rande: Selbst die deutschen Teilnehmer vor den Kulissen mussten für die deutsche Tonspur synchronisiert werden und bekamen fremde Stimmen in den Mund gelegt – für deutsche Fans der Wallace-Serie ein eher ungewohntes Erlebnis.
Wie überhaupt der ganze Film mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Zwar waren sich Kritik und Fans einig, dass das Flair der Außenaufnahmen und der besondere London-Charakter des „Verrätertors“ die gesamte Produktion aufwerteten, doch schieden sich die Geister an der Handlung selbst. Eine Gaunergeschichte über das Schicksal und den perfiden Plan einer Gruppe von Großkriminellen auf der Jagd nach den Kronjuwelen? Das war doch kein „Wallace“! Nach siebzehn Filmen hatte der deutsche Kinogänger ein ziemlich genaues Bild von dem, was er als Wallace-Film sehen wollte: düstere Settings, bis ins Aberwitzige überzeichnete Erzbösewichter und eine Atmosphäre der stetigen, unterschwelligen Bedrohung. Er wollte mitraten und quasi Seite an Seite mit dem Kommissar den Fall lösen – doch „Das Verrätertor“ bot keinen Scotland Yard-Vertreter als Identifikationsfigur. Es war kein „whodunit“, ließ an der Identität und den Absichten seiner bösen Buben zu keiner Sekunde Zweifel aufkommen. Es war ein sehr untypischer Film – und blieb ein Kuriosum in der erfolgreichen Serie.
Wussten Sie schon …? Regisseur Frederick William „Freddie“ Francis verstand sich eigentlich sehr gut auf die Erzeugung von Spannung und Gruselgefühlen: Er zeichnete als Kameramann für viele David-Lynch- und als Regisseur vor allem für die Horrorfilme der Hammer Studios verantwortlich. Das Traitor`s Gate kann der geneigte Leser beim nächsten London-Urlaub besichtigen: Es ist ein Wassertor im St.-Thomas-Turm des Towers of London, also in dem Teil des Gebäudes, der einst als zusätzlicher Wohnraum für die Königsfamilie eingerichtet wurde. Tower-Touristen, die sich für das Tor interessieren, können es kaum verfehlen. SF-Fans dürften Hope-Darstellerin Catherine von Schell wiedererkennen. Ohne das „von“ im Namen machte sie 1976/1977 als Maya von sich reden, der außerirdischen Frau im Team der „Mondbasis Alpha 1“ (Space: 1999), einer TV-Serie mit Martin Landau und Barbara Bain. Hauptdarsteller Albert Lieven alias Trayne war dem deutschen Publikum der Zeit bestens vertraut. Kein anderer Schauspieler war so oft in den Verfilmungen der Francis-Durbridge-Romane zu sehen gewesen, und die galten als Straßenfeger. Frisch zitiert: „Es macht mir Spaß als Kameramann zu arbeiten, aber Regie zu führen ist interessanter. Ein Nachteil an der Arbeit als Kameramann in Großbritannien ist die Bezahlung, wegen der man ständig arbeiten muss und oft mit Leuten, die einen, ehrlich gesagt, nicht gerade begeistern. Als ich die Gelegenheit bekam Regie zu führen, entschied ich mich es zu versuchen. Falls es mir nicht gefiele, nun, dann wäre das mein eigenes Problem und niemandes sonst.“ - Freddie Francis