Space-View Essay :: Spaß muss sein

Parodien auf Star Trek

Spaß muss sein

Am 27.5.1972 lief erstmals eine „Star Trek“-Episode im deutschen Fernsehen. Wer hätte sich damals auch nur im Traum vorstellen können, dass es über 30 Jahre später einem Filmemacher mit einer Parodie auf diese Serie gelingen würde, den wahrscheinlich erfolgreichsten deutschen Film zu drehen?

Was sich verehrt, das parodiert sich.

Im alten Rom war es üblich, dass der Heerführer nach einer gewonnenen Schlacht mit einem festlichen Triumphzug durch die Straßen zog. Ganz am Ende kamen seine Soldaten, die Hohn- und Spottlieder über ihren siegreichen Anführer sangen und sich über ihn lustig machten. Ein seltsamer Brauch, der wahrscheinlich eine abergläubische Bedeutung hatte, der aber vor allem zeigt, dass oft gerade in der Parodie so etwas wie Achtung und Bewunderung liegen. Es gibt den Spruch „Was sich liebt, das neckt sich“, und abgewandelt könnte man sagen, „Was sich verehrt, das parodiert sich“. Denn Parodien stammen oftmals von den größten Bewunderern. Auch Bully Herbig betonte angesichts seiner jüngsten Persiflage „(T)raumschiff Surprise – Periode Eins“: „Parodieren kann man nur Dinge, die man mag.“

„Star Trek“ wird parodiert

Kaum ein Medien-Phänomen hat so viele Fans wie „Star Trek“. Zugleich lockt „Star Trek“ vor allem phantasievolle Leute an. Es sind Fans, die sich mit dem bloßen Konsumieren oft nicht zufrieden geben wollen. Man will mehr, man möchte sich kreativ austoben. „Star Trek“-Fans basteln Modelle, schneidern Kostüme, entwerfen Masken, und einige drehen sogar Fan-Filme. Als SAT.1 1996 die Fans dazu aufforderte, kurze Filmchen für ein „Star Trek“-Special einzusenden, beteiligten sich Hunderte von Fans, und die meisten davon schickten Parodien. Denn die Parodie eignet sich am besten, um das Fanobjekt zu huldigen, ohne es schlicht nachzumachen. Außerdem kann man mit Übertreibungen auf all die Schwächen hinweisen, die man an „Star Trek“ schon immer so unterhaltsam und witzig fand.

Ein geeignetes Phänomen der Pop-Kultur

Wer im Kino oder im Fernsehen andere parodieren möchte, hat das Problem, dass er die Kenntnis des Originals beim Zuschauer voraussetzen muss. Auch hierfür eignet sich „Star Trek“ besser als andere SF-Serien. „Star Trek“ ist es gelungen, sogar den normalen Sprachgebrauch um einige Begriffe zu erweitern. Selbst der, der noch nie eine „Star Trek“-Episode gesehen hat, weiß in der Regel, was sich hinter Wörtern wie „beamen“, „Klingonen“ oder „Mr. Spock“ verbirgt. Jeder erkennt sofort das Layout der Enterprise, und jeder weiß, dass Mr. Spock – neben Alf wohl der berühmteste Außerirdische – spitze Ohren hat. Auch die Uniformen – vor allem die der Classic-Serie – sind nirgends so markant wie bei „Star Trek“. Und selbst Redewendungen wie „Beam me up, Scotty“ gingen in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und sind einem breiten Publikum verständlich.

Get a Life

Doch nicht nur die Serien und Filme von „Star Trek“ laden zur Parodie ein, auch das Phänomen selbst wird gern durch den Kakao gezogen. Anfang der 70er Jahre, kurz nachdem in den USA die Classic-Serie „Star Trek“ aus dem Programm gekippt worden war, entstanden die berühmten „Star Trek“-Conventions. Sie übertrafen alle Erwartungen der Organisatoren und wurden von Mal zu Mal größer und gigantischer. Einige davon verzeichneten bis zu 15.000 Besucher. Bald wurden die Conventions zu einer festen Größe im „Star Trek“-Franchise, und sie wurden – nicht zuletzt dank verzerrender Darstellungen in der Presse – bald auch genre-fremden Personen ein Begriff. William Shatner nutzte dies 1987 für einen berühmten Sketch in der US-Comedy-Show „Saturday Night Live“. Er spielte darin sich selbst als Gast auf einer „Star Trek“-Convention, wo ihm eine Reihe von Fans mit aufgesetzten spitzen Ohren nach Safe-Kombinationen aus einzelnen Episoden fragen, bis es aus Shatner herausplatzt und er den Fans zuruft, sie sollen endlich aus Mamas Keller ausziehen und ein paar echte Leute kennen lernen. Es folgte der heute noch legendäre Spruch: „Get a life ... will ya, people? I mean, for cryin’ out loud, it’s just a TV show.“ (dt.: Fangt an zu leben, Leute! Ich meine, verdammt noch mal, es ist bloß eine Fernsehserie!)

Galaxy Quest kommt

Viele Fans haben Shatner diese „Convention“-Parodie schwer verübelt. Auch wenn klar war, wie Shatner es gemeint hatte, war dieser einseitige Rundumschlag gegen die Fans eher vorwurfsvoll belehrend als lustig. Es war schließlich Anlass für Shatner, später unter seinem Namen ein Buch mit dem legendären Spruch „Get a Life“ als Titel zu veröffentlichen. Darin ließ er sich dann toleranter darstellen und bezog den Spruch sogar auf sich selbst. 12 Jahre später kam ein Film in die Kinos, der in die gleiche Kerbe schlug; auch wenn es darin um die fiktive SF-Serie „Galaxy Quest“ ging, war jedem klar, dass „Star Trek“ gemeint war. „Galaxy Quest“, so auch der Titel des Streifens, machte genau das richtig, was Shatner versäumt hatte. Es war keine zynische Abrechnung mit der Klischeevorstellung über Fans, sondern ein humorvoll-verspielter Rundumschlag, bei dem alle ihr Fett abbekamen: nicht nur die Fans, sondern auch die Darsteller und der ganze Wahnsinn, der ein solches Kultphänomen begleitet. Nach diesem Film hatte so mancher Fan vielleicht auch mehr Verständnis für alternde Schauspieler, die nicht glücklich damit sind, wenn sie ständig auf eine aus ihrer Sicht stereotype Fernsehrolle festgelegt werden.

Die Simpsons ...

Die Evergreen-Serie „Die Simpsons“ handelt natürlich in erster Linie von der gleichnamigen Familie. Darüber hinaus geht es um Springfield, das Panorama einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Springfield funktioniert wie ein Mikrokosmos, in dem jede Figur einen ganz bestimmten Typus verkörpert. Angefangen bei Homer Simpson, dem typischen übergewichten Durchschnittsamerikaner bis hin zu Mr. Burns, dem machtgierigen und gefühlskalten Plutokraten. Zu den Bewohnern von Springfield zählt auch ein Trekker, der einen Comicladen besitzt. Er ist erstmals in der Folge „Drei Freunde und ein Comic-Buch” zu sehen und erhielt nie einen Namen, weshalb er bei Fans als „Comic-Guy“ bekannt ist. Der „Comic-Guy“ trägt sein Haar als Pferdeschwanz, ist dick, ausgesprochen sarkastisch und lebt mit 45 Jahren noch immer bei seinen Eltern. Neben dieser Trekker-Karikatur liefern „Die Simpsons“ wiederholt Parodien auf „Star Trek“, so auch in einem Ausschnitt aus „Star Trek XII“.

... und erst recht Futurama

Bereits „Die Simpsons“ zeigten, dass die Macher der Serie auch Liebhaber von „Star Trek“ sind, selbst wenn Matt Groening, der Erfinder von „Die Simpsons“ und „Futurama“, zugibt, noch nie eine Classic-Folge von „Star Trek“ komplett gesehen zu haben. Matt Groening spornt seine Autoren und Zeichner jedoch stets an, alle möglichen Anspielungen in die Serien einzubauen, am besten auch solche, die er selbst nicht versteht. Und natürlich lädt die überdrehte „Futurama“-Zukunft im Simpsons-Stil dazu ein, auch Elemente aus „Star Trek“ zu parodieren. So erlaubten sich die Macher immer wieder kleine Gags, zum Beispiel Amys Schminkspiegel, der aussieht wie Kirks Kommunikator und sich mit dem gleichen Geräusch aufklappen lässt. Den Vogel abschießen sollte aber die Episode „Der letzte Trekkie“, in der es den Machern von „Futurama“ gelang, alle Darsteller der Classic-Serie zusammenzutrommeln. Nur James Doohan (Scotty) hatte kein Interesse, und DeForest Kelley war bereits verstorben. Diese Episode ist nach der „Deep Space Nine“-Folge „Immer die Last mit den Tribbles“ der größte und beste Tribut, der je der klassischen „Star Trek“-Serie gezollt wurde. „Der letzte Trekkie“ ist ein wildes Panoptikum typischer Elemente aus Roddenberrys klassischer „Star Trek“-Serie; mit außerirdischen Gerichtsverhandlungen, rituellen Kämpfen, sprechenden Energiewesen und einem sterbenden Rothemd. In einer ultimativen Parodie auf den „Star Trek“-Kult erfahren wir auch, wie das „Star Trek“-Phänomen zu einer tyrannischen Weltreligion anwuchs und viele Kriege verursachte. „Der letzte Trekkie“ begeisterte nicht nur Fans. David A. Goodman, der Autor dieser Episode, wurde danach von Rick Berman gefragt, ob er nicht Lust habe, für das echte „Star Trek“ zu schreiben. Goodman hatte Lust, schrieb seitdem fünf Episodendrehbücher und stieg schließlich zum „Consulting Producer“ bei „Star Trek: Enterprise“ auf.

Galaktische Grüße

Im Jahr 1996 feierte „Star Trek“ sein 30-jähriges Jubiläum. Damals identifizierte sich SAT.1 noch sehr stark mit „Star Trek“ und versuchte, sich mit dem Image des „Star Trek“-Senders hervorzutun. Nicht zu Unrecht, immerhin hatte SAT.1 gleich nach seiner Gründung alle Classic-Episoden, die das ZDF bis dahin den deutschen Zuschauern vorenthalten hatte, aufkaufen und synchronisieren lassen. Über Jahre hinweg verging kein Tag, an dem SAT.1 nicht „Star Trek“ zeigte, und die Serie „Star Trek: Voyager“ wurde sogar ins Abendprogramm verlegt. Die lange „Star Trek“-Nacht sollte ein besonderes Special werden. Hobbyfilmer und „Star Trek“-Fan Robert Amper präsentierte einen privat gedrehten Film sowie andere Fan-Beiträge, bei denen es sich fast ausschließlich um Parodien handelte. In diesen albernen Kurzfilmen war nichts von dem typischen Klischee des humorlosen und erbsenzählenden Trekkers zu finden. Vielmehr bewiesen die Fans, dass sie über „Star Trek“ lachen konnten und dass sie den bei Fan-Filmen üblichen Mangel an Budget mit überschäumender Phantasie ausgleichen konnten.

U.S.S. Highlander

Robert Amper ist ein „Star Trek“-Fan aus München, der mit seiner Live-Rollenspiel-Gruppe die Idee für einen witzigen Amateur-Film über die U.S.S. Highlander hatte. Er hatte zuvor bereits für das Fernsehen gearbeitet und im Alter von 22 Jahren das Fernsehspiel „Lisa“ für das ZDF inszeniert. Dass ihm ausgerechnet dieser Fan-Film so viel Beachtung einbringen würde, hätte er sich damals wohl selbst nicht träumen lassen. Die „Highlander“-Filme wurden immer ausgefeilter und populärer, bis schließlich sogar Merchandise-Produkte auf den Markt kamen. Teil 2 der „Highlander“-Reihe lief weit nach Mitternacht auf SAT.1 und brachte dort verblüffend hohe Marktanteile, sodass SAT.1 Robert Amper den Auftrag für einen dritten gab. Das Ganze nahm immer eindrucksvollere Ausmaße an, bis sogar Paramount Blut leckte und etwas von dem Kuchen abhaben wollte. Glücklicherweise konnte der angedrohte Rechtsstreit durch einen Vergleich verhindert werden.

Bully kommt

Bully Herbig schließlich hat das geschafft, wovon alle „Star Trek“-Hobbyfilmer träumen: Er hat eine „Star Trek“-Parodie mit Bildern wie aus „Star Wars“ gedreht und damit rekordverdächtige Einspielergebnisse erzielt. Ist der Vergleich mit Fan-Filmen weit hergeholt? Wohl kaum, sieht man sich die Anfänge in den kleinen Sketchen aus der „Bullyparade“ an. Kork, Schrotty und Spuck hatten als „Spezial-Effekte“ nur ein kleines Enterprise-Modell mit Stützrädern zur Verfügung, und die zügellose Albernheit erinnert mehr an Fan-Filme als an die professionell inszenierte, aber oft trübe Unterhaltungskost des Fernsehens. Als Bully Herbig nun einen kompletten Spielfilm auf der Grundlage der „(T)raumschiff“-Sketch-Reihe entwarf, folgte er interessanterweise einem Trend, der auch bei Fan-Filmen zu beobachten ist. Denn einige Fans versuchen seit Jahren, ihre Filme immer aufwändiger, teuerer und möglichst protzig zu gestalten.

Protziger Fan-Film

Dieser Versuchung konnte auch Bully Herbig nicht widerstehen, und er machte aus seinem „(T)Raumschiff“-Film zugleich ein Effekte-Feuerwerk, das manchen Hollywood-Film hinter sich zurücklässt. Ist Bully Herbig dabei über das Ziel hinausgeschossen? Wäre weniger mehr gewesen? Hat der Film dadurch einen Teil des Charmes eingebüßt, den die Sketche in der „Bullyparade“ auszeichneten? Bully Herbig hat sich entschlossen, alle technischen Möglichkeiten zu nutzen, die ihm zur Verfügung standen; es gibt sicher Hunderte von Hobbyfilmern in Deutschland, die es genauso getan hätten. Für sie wird Bullys Karriere stets der unerreichbare Traum und das große Vorbild bleiben, denn es ist kaum denkbar, dass jemand nach Bully mit einer deutschen „Star Trek“-Parodie noch erfolgreicher sein wird. Davon werden sich jedoch die Fans, die nicht in der beneidenswerten Position von Bully sind, nicht abhalten lassen. Sie werden „Star Trek“ auch weiterhin in kleinen Amateurfilmen parodieren. Und sollte es irgendwann keine neuen „Star Trek“-Serien oder Filme mehr geben, so lebt dieses Universum vielleicht in seinen Parodien weiter.

geschrieben von: Thomas Höhl

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