Rezension - Voyager

Season-4-DVD-Box

Widerstand ist zwecklos



Viele Fans sind der Ansicht, dass die vierte Staffel von „Star Trek Voyager“ die beste von allen sei – und das hat nicht nur mit dem Einstand einer sexy Borgdrohne namens Seven of Nine zu tun... zumindest nicht ausschließlich... nicht ganz sozusagen... auch wenn man zugeben muss, dass sie der Serie durchaus neue Spannung verleiht... ein kleines bisschen wenigstens... ähem...

Okay, jetzt mal ernsthaft: Rückblickend war die Einführung des Seven-Charakters natürlich ein Geniestreich der Macher. Von vielen anfangs schlicht als Verzweiflungstat betrachtet und als Borg-Babe verschrien, zeigte sich doch bereits in den ersten Folgen, dass Seven viel mehr war, als nur die aufregende Jeri Ryan in einem silbernen Catsuit. Ihre Perspektive von außen auf die Sternenflotten-Crew einerseits und ihre Entwicklung von der identitäslosen Drohne zum Menschen (unter anderem vorangetrieben in „Die Gabe“ (Ep. 02), „Der schwarze Vogel“ (Ep. 06) und „Im Rückblick“ (Ep. 17) ), die in den kommenden Staffeln noch weiter verfolgt werden sollte, andererseits, machte nicht nur Seven selbst zur interessanten Figur, sondern verhalf in der Interaktion mit den anderen Crewmitgliedern auch beispielsweise Janeway, Harry Kim und dem Doc auf die Sprünge – wenngleich letzterer das wahrhaft nicht nötig gehabt hätte, denn er blühte ganz von selbst auf und hat ein paar grandiose Folgen in der vierten Staffel. Man merkt deutlich, wie sich der Doc und Seven zu den Lieblingen der Autoren gemausert haben.

Doch es gibt noch mehr Dinge, die das Jahr 2374 sehenswert machen. Natürlich sind da Anfangs die Borg, die aber bedauerlicherweise nach dem Staffelbeginn praktisch keine Rolle mehr spielen. Dafür gibt es einen netten fünfteiligen Episodenbogen um die Jägerspezies der Hirogen (Ep. 15-19), innerhalb dessen nicht nur Spezies 8472 zurückkehrt („Die Beute“ (Ep. 16) ), sondern auch eine beinahe absurd anmutende Holodeck-Jagdsimulation Nazis, Hirogen, Klingonen und die Voyager-Crew im wilden Kampfgetümmel zusammenwürfelt („Das Tötungsspiel“ (Ep. 18-19) ). Ein weiterer, herausragender Zweiteiler ist „Ein Jahr Hölle“ (Ep. 08-09), in dem sich die Voyager den wahnsinnigen Zeitmanipulationen eines obsessiven Krenim-Wissenschaftlers ausgesetzt sieht, der um jeden Preis sein Volk zu alter Größe führen will und dafür ganze Spezies aus der Zeitlinie ausradiert. Die Voyager ist ihm dabei ein Dorn im Auge.

Die zweifelsohne grandioseste Einzelfolge ist bedeutsamerweise fast exakt die Mitte der kompletten Voyager-Serie: Episode 4.14 „Flaschenpost“. Hier erhält die Voyager dank eines fremdartigen, uralten Kommunikationsnetzwerks erstmalig Kontakt zur Sternenflotte im Alpha-Quadranten und der Doc wird losgeschickt, als Botschafter das föderierte Tiefraumschiff auf der anderen Seite des galaktischen Fernsprechers zu besuchen. Leider wurde selbiges von Romulanern übernommen; nur das MHN-2 steht noch zur Verfügung. Und wie sich der Doc und sein nervöses Nachfolgeprogramm gegen die Eindringlinge behaupten, ist „Star Trek“ at its best!

Weitere Episoden zum Einschalten sind „Apropos Fliegen“ (Ep. 11), in der John Rhys-Davies (der Gimli aus „Der Herr der Ringe) als Leonardo da Vinci, „Catarina“ Janeways Holo-Mentor, auf ungeplante Außenmission geht und „In Furcht und Hoffnung“ (Ep. 26), in der die Crew beinahe einen Weg nach Hause findet. Inhaltlich bietet das vierte Jahr der Odyssee der Voyager durch den Delta-Quadranten also viele Goodies.

Hinsichtlich der Präsentation der Serie kann ich nur wiederholen, was ich schon dreimal schrieb: Die 26 Episoden sind auf sieben DVDs abgelegt, wobei auf der siebten DVD zusätzlich die Extras untergebracht wurden. Das Boxendesign entspricht der Reihe: rote Hülle, silberner Aufdruck, neckisch „ausgesägte“ Fenster, farblich abgestimmte Pappummantelung im Inneren und lieblos schmale Klarsichthalterungen samt Klebestreifen zur Aufbewahrung der eigentlichen Bildträger. Das Startmenü lässt diesmal einen Borgwürfel aus vier Richtungen anfliegen – ein netter, kleiner Bonus, dass hier weiterhin auf inhaltlichen Wechsel geachtet wurde (mal sehen, welches Schiff uns zu Staffel 5 begrüßt).

Die Specials, das überrascht mich jetzt fast selbst, aber nachdem ich jüngst die „Raumschiff Enterprise“-Boxen besprochen habe, wird es umso deutlicher, sind eher guter Durchschnitt als wirklich spannend: einerseits sind sie mit ca. 100 min. Gesamtlaufzeit nicht besondern üppig (zum Vergleich: Die dritte Staffel von „Raumschiff Enterprise“ wies ca. 140 min. auf plus der Bonus-Episode „The Cage“ in zweifacher Ausführung auf), daraus folgt andererseits, dass durchaus Wünsche offen bleiben. So gibt es beispielsweise – leider – wieder keine Textkommentare, obwohl viele hervorragende Episoden sich dafür angeboten hätten.

In „Auf ins Unbekannte: Staffel 4“ (21:09) erzählen die Macher und Schauspieler von den Veränderungen während der vierten Staffel. Es wird natürlich Sevens Einstand thematisiert, wobei man(n) erstmalig die Möglichkeit erhält, festzustellen, dass Jeri Ryan hinter den Kulissen in ihrer gut gelaunten Natürlichkeit noch ungleich anbetungswürdiger erscheint, als in ihrer unterkühlt-erotischen Seven-Rolle. Gleichzeitig wird der Abtritt von Kes als rein plottechnisch begründet dargestellt, wenngleich Jennifer Lien erneut dazu nicht zu Wort gebeten wird. Die „Voyager Zeitkapsel“ widmet sich indes abermals im Doppelpack einmal Seven of Nine (13:46) – man sieht: sie dominiert die komplette DVD-Box –, einmal Harry Kim (14:10). Derweil Jeri Ryan uns durch ihre unglaubliche Ausstrahlung gewinnt, punktet Garrett Wang mit schwungvoll vorgetragenen Anekdoten, beispielsweise darüber, dass Harry von allen männlichen Fans nur noch mitleidig angeschaut wird, seit er Sevens Angebot „zu kopulieren“ mit einem entsetzten „No!“ abgelehnt hat.

Dan Curry und seine Mannen laden uns dann erneut in „Roter Alarm: Tolle Visuelle Effekte“ (11:01) hinter die Kulissen ein und demonstrieren beispielsweise den Einsatz von CGI während der vierten Staffel und wie eine reale Laserorgel zum Universal-Effektspender wurde. Daran schließt sich nahtlos „Die Kunst fremder Welten an“ (10:42), ein Feature über die Verwendung von Matte-Paintings, nicht nur bei Voyager, sondern überhaupt in „Star Trek“. Als allgemeiner Abriss mit einigen wunderschönen Bildern ist selbiges mein persönliches Highlight des gesamten Bonusmaterial. Das dritte Techno-Special im Bunde zeigt uns „Die Geburt von Spezies 8472“ (9:35). Computerkünstler John Teska erklärt, wie der neue Alienschrecken entstanden ist und als Sahnehäubchen gibt es am Schluss noch ein witziges Out-Take.

Eher langweilig nimmt sich die „Voyager Release Party“ (5:18) aus. Das Jet Propulsion Laboratory der NASA erhält im Rahmen eines kleinen Festakts eine Voyager-Plakette und Schauspieler und Wissenschaftler betonen, wie wichtig sie füreinander sind. An und für sich stimme ich dem natürlich zu und freue mich über die freundschaftlichen Bande zwischen Science und Fiction, aber das Feature bleibt ein reiner Austausch von Höflichkeiten, unterlegt mit fast unerträglich pathetischen Star-Trek-Fanfaren.

Eine Bildergallerie und zwei DVD-Werbetrailer für die TNG- und DS9-Boxen schließen das Feature-Programm ab. Zudem verstecken sich noch sechs Easter-Eggs mit kurzen Anekdoten in der Hülle des Borgwürfels im Menü. Alles in allem ein ordentliches Programm, das einen zwar (vor allem im Vergleich mit „Raumschiff Enterprise“ oder den „Special Editions“ der Kinofilme) nicht aus dem Sessel reißt, aber doch ganz unterhaltsam ist. Mehr wäre aber sicher drin gewesen... (ich melde jetzt schon mal entsprechende Wünsche für die DVD-Boxen von „Enterprise“ an).

Fazit:


Die vierte Staffel von „Star Trek Voyager“ lässt inhaltlich fast keine Wünsche offen: krachende Action, schwere Entscheidungen, leichtfüßige Komik und, oh, erwähnte ich das schon: eine sexy Borgdrohne mit Charakterpotential. Außerdem gewinnen Handlungsbögen zunehmend an Bedeutung, was nicht nur diverse Doppelfolgen mit sich bringt, sondern auch häufiger Bezüge zwischen Einzelepisoden herstellt. Das Bonusmaterial ist da eher Standardkost oder – wie der Name schon sagt – ein Bonus zum ansonsten runden Star-Trek-Vergnügen.


geschrieben von: Bernd Perplies

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