Die fünfte Staffel einer Serie ist so eine Sache. Entweder man erreicht sie gar nicht („Enterprise“ ... seufz) oder man schleppt sich mühsam Richtung Absetzung („Babylon 5“) oder man hat zu seiner Bestform gefunden, können doch die Schauspieler auf vier Jahre Charakterentwicklung und die Filmemacher auf reichlich Erfahrung was funktioniert und was nicht zurückgreifen. „Star Trek Voyager“ gehört zu diesen glücklichen Fällen und Cast und Crew werden im Rahmen der fünften DVD-Staffel-Box nicht müde zu betonen, dass sie um Episode 100 herum so gut sind, wie noch nie zuvor.
Tatsächlich gibt es hinsichtlich der Geschichten, die im fünften Jahr der Odyssee durch den Delta-Quadranten erzählt werden, kaum etwas zu meckern. Zwar hat „Voyager“ nie wirklich zu einem großen, dramatischen Handlungsbogen gefunden, wie ihn beispielsweise „DS9“ pflegte, aber zwei, drei diffuse, rote Fäden durch die Episoden, wie die Beziehung zwischen Tom Paris und B’Elanna Torres oder die Entwicklung Seven of Nines, lassen sich erfreulicherweise dann doch erkennen. Die wahre Stärke liegt jedoch in den Einzelepisoden und hier könnte man einige aufzählen, die durchaus sehenswert sind im Jahre 2375.
Gleich die Auftakt-Episode „Nacht“ (5.01) ist ein visueller Leckerbissen – und dies obwohl sich die Voyager gerade durch absolut leeren Raum bewegt. Doch dieses tintenschwarze, fast greifbare Dunkel, durch das sich das spärlich beleuchtete Schiff schiebt und das dabei gar nicht so leer ist, wie man anfangs glaubt, erzeugt eine so beklemmende Atmosphäre, das man sich gewünscht hätte, die Autoren hätten der „Leere“ und ihren Bewohnern zumindest einen kleinen Handlungsbogen gegönnt.
„Temporal Paradoxie“ (5.06) ist schon deshalb ein Grund zum Feiern, weil es sich um die 100. Episode handelt. 15 Jahre in der Zukunft kehren Chakotay und Harry Kim zu einer auf einem Eisplaneten abgestürzten Voyager zurück, um einen tragischen Fehler beim risikoreichen Einsatz des Slipstream-Antriebs vor vielen Jahren wieder gut zu machen. Abgesehen davon, dass sich die Protagonisten um massive moralische Fragen herumdrücken (Darf man 15 Jahre einer Zeitlinie einfach auslöschen, nur weil man mal Mist gebaut hat?), gibt es einen leider viel zu kurzen Cameo von Captain Geordi LaForge (im DVD-Flyer doch tatsächlich als „Jordi“ bezeichnet!) und eine tolle Performance eines von Schuld zerrissenen Harry Kim.
Herrlich trashig wird es in „Chaoticas Braut“ (5.12), einer Episode, die fast vollständig in dem Flash-Gordon-artigen Schwarz-Weiß-Holoszenario von Tom Paris namens Captain Proton spielt und einige herrlich überzogene Darbietungen von Captain Janeway und dem Holo-Doc erlaubt.
„Das ungewisse Dunkel“ (5.15.) ist indes nicht nur die erste Folge, die als Doppelfolge produziert, aber dann zu einem langen „Voyager-Film“ zusammenmontiert wurde, sondern sie sieht auch eine Rückkehr der Borg, insbesondere der Borg-Queen, die sich als eine Art dunkler Widerpart zu Captain Janeway gebärdet, will sie doch Seven zurück ins Kollektiv holen, dabei aber als Individuum bewahren, um aus ihren einzigartigen Einsichten in die widerspenstige Menschheit Nutzen schlagen zu können.
Die Liste ließe sich fortsetzen, daher kürze ich ein wenig ab. Weitere sehenswerte Episoden sind sicher „30 Tage“ (5.09), die nicht nur Tom Paris‘ Degradierung sieht, sondern auch mit einem tollen CGI-Wasserplaneten aufwarten kann, „Kontrapunkt“ (5.10), in der sich Captain Janeway ein reizvolles Täuschungsspiel mit einem Devore-Kommandanten liefert, „Endstation Vergessenheit“ (5.17), die vielleicht bitterste „Voyager“-Folge überhaupt, die aber einen cleveren Rückbezug auf ein Ereignis der vierten Staffel herstellt, „Liebe inmitten der Sterne“ (5.21), eine harmlose, aber lustige Episode, in der der Holo-Doc Seven in die Rituale zwischenmenschlicher Beziehung einführen will, und zuletzt „Equinox; Teil 1“, das Staffelende, das der Voyager-Crew überraschend ein zweites Föderationsschiff im Delta-Quadranten zur Seite stellt – wenngleich deren Besatzung sich nicht immer so „sternenflottig“ verhalten hat, wie unsere Serienhelden.
Hinsichtlich der Präsentation der Serie drucke ich einfach den Standardtext ab: Die 25 Episoden sind auf sieben DVDs abgelegt, wobei auf der siebten DVD zusätzlich die Extras untergebracht wurden. Das Boxendesign entspricht der Reihe: rote Hülle, silberner Aufdruck, neckisch „ausgesägte“ Fenster, farblich abgestimmte Pappummantelung im Inneren und lieblos schmale Klarsichthalterungen samt Klebestreifen zur Aufbewahrung der eigentlichen Bildträger. Das Startmenü lässt diesmal den Deltaflyer aus vier Richtungen anfliegen – ein netter, kleiner Bonus, dass hier weiterhin auf inhaltlichen Wechsel geachtet wurde (mal sehen, welches Schiff uns zu Staffel 6 begrüßt).
Die Specials sind gutes „Star Trek“-Niveau. Nach wie vor vermisse ich die Audio- oder Textkommentare, die sich bei etlichen Episoden wirklich angeboten hätten (man möchte die Macher bei Paramount für dieses Versäumnis wirklich manchmal würgen). Ansonsten ist aber an Features diesmal einiges Nettes dabei.
In „Auf ins Unbekannte: Staffel 5“ (20:05) widmen sich Macher und Schauspieler den großen Themen der fünften Staffel. Kurz wird das Gerücht angerissen, dass die Voyager möglicherweise hätte früher nach Hause kommen sollen. Auch wenn dieser Gedanke recht schnell wieder verworfen wurde – er hätte das Konzept von „Voyager“ grundlegend verändert –, merkt man doch anhand der Riesendistanzen, die das Schiff dank Slipstream und Transwarp in der fünften Staffel zurücklegt (insgesamt 30.000 Lichtjahre), dass die Macher langsam aber sicher die Heimat näherrücken lassen wollten. Abgesehen davon wird redlich die 100. Episode gefeiert und insgesamt ist man sich einig, dass die Einzelepisoden selten besser, die Charaktere selten stärker, die Effekte selten cooler waren. Tatsächlich merkt man deutlich, dass sich die Autoren wieder verstärkt der ganzen Crew (nicht nur Seven) zuwenden und dass CGI mit Macht Einzug in die Serie gehalten hat. Die „Voyager Zeitkapsel“ widmet sich derweil abermals im Doppelpack einmal B’Elanna Torres (16:34) und dazu passend Tom Paris (14:55). Beide Schauspieler erzählen keineswegs unsympathisch, aber vergleichsweise ernst über die Entwicklung ihrer Charaktere, ihre privaten Erfahrungen und ihren Wechsel auf den Regiestuhl der „Star Trek“-Serie.
Erstmals wird auch einem Supporting Cast ein Feature gewidmet. In „Die Borg-Queen spricht“ (6:43) berichtet Susanna Thompson – in Wirklichkeit natürlich ungleich charmanter als in ihrer Rolle – über ihren ersten Kontakt mit den Borg im Rahmen des achten Kinofilms (der irgendwie völlig danebenging), ihre Rückkehr ins „Kollektiv“ und wie hart und zugleich faszinierend die Rolle der Borg-Königin gewesen war. Normalerweise bekommt man ja kaum Selbstkritik an der Serie im Rahmen der DVD-Features zu hören und ich nehme an, auch Susannas Geständnis, das sie an der Rolle zunächst verzweifelte, blieb nur deshalb drin, weil am Ende ja doch alles gut wurde.
Zwei sehr hübsche Überblicks-Features sind „Die Schiffe des Delta-Quadranten“ (12:09) und „Magisches Make-Up à la Delta-Quadrant“ (19:24) – möchte mal wissen, wer sich diese Titel ausgedacht hat ... In „Die Schiffe ...“ stellt uns Senior Illustrator Rick Sternbach die verschiedenen Designs vor, die für „Voyager“ entworfen wurden und welch große Rolle der Einsatz von CGI bei der Entwicklung und Umsetzung der Raumvehikel der Voth, Malon, Hirogen usw. gespielt hat. Nettes Detail: Die „Equinox“, ein Forschungsschiff der Nova-Klasse, war ursprünglich ein früher Entwurf für die „Defiant“ der Serie „DS9“. Michael Westmore gewährt danach einen Einblick in das Geschäft des Maskenbildens für eine „Star Trek“-Serie. Er verrät, dass Neelix Aussehen von Timon und Pumbaa aus „Der König der Löwen“ inspiriert wurde, wie es zum Tatoo von Robert Beltrams Chakotay kam und dass Trevis und Flotter seine zwei Lieblings-Holodeckkreaturen sind. Von allen Specials, die mit bisher bei „Voyager“ untergekommen sind, ist dieses 20 Minuten lange Feature das bisher interessanteste und informativste überhaupt gewesen. Hier gilt dann doch: Size (= Laufzeit) does matter!
Eine Bildergalerie und drei DVD-Werbetrailer für die Classic-, TNG- und DS9-Boxen schließen das Feature-Programm ab. Zudem verstecken sich mindestens (*hüstel*) fünf Easter-Eggs mit kurzen Anekdoten in der Hülle des Deltaflyers im Menü, die sich unter anderem „Boothby“ Ray Walston widmen und der außer Kontrolle geratenen Experimentierfreude der Macher in der Episode „Das Vinculum“.
Die fünfte Staffel von „Star Trek Voyager“ schließt qualitativ ziemlich nahtlos an die vierte Staffel an, auch wenn es weniger Doppelfolgen gibt (die für gewöhnlich ja besonders gut sind). Zahlreiche starke Einzelepisoden wechseln Dramatik mit Humor und auch dem einen oder anderen erzählerischen Experiment ab. Dem Bonusmaterial muss man zugute halten, dass diesmal kein einziges Feature darunter ist, dass irgendwie langweilig gewesen wäre. Auch wenn man sich natürlich immer mehr wünscht (Audiokommentare!), kann diese Staffel-Box doch als rundum gelungen bezeichnet werden.