Mit der 6. Staffel war die Voyager-Crew plötzlich alleine. Weniger in Bezug auf ihre Reise Richtung Erde, denn hier begann sich vielmehr die Kommunikation mit dem heimischen Alpha-Quadranten zusehends zu verbessern. Nein, es war das erste Jahr, in der keine andere „Star Trek“-Serie nebenher produziert wurde. „Deep Space Nine“ war abgelaufen, ab jetzt hielten Captain Janeway und ihre Mannschaft einsam die „Star Trek“-Fahne aufrecht. Nach einer grandiosen fünften Staffel kein leichtes Unterfangen.
Gründe sind schwer anzuführen, aber manche Staffeln sind einfach besser als andere. Und manche Staffeln sind schlechter. Obgleich auch im Jahre 2376 einige großartige Geschichten erzählt werden, kann man sich doch des Gefühls nicht erwehren, dass man nach einem Powerjahr wieder etwas zurück in die „Star Trek“-Routine verfallen war: Ein kleiner Konflikt X führt zu Moral Y, danach geht die Reise weiter.
Viele der Episoden widmen sich einzelnen Charakteren und finden eher in kleinerem Rahmen statt. In „Überlebensinstinkt“ (6.02) wird die Voyager von drei Mitgliedern von Sevens ursprünglicher Borg-Unimatrix unterwandert und die Ex-Drohne mit einem fragwürdigen Kapitel ihrer Vergangenheit konfrontiert. In „Dame, Doktor, Ass, Spion“ (6.04) ergeht sich der Holo-Doc in Tagträumen, weil er das Gefühl hat, seine Fähigkeiten würden nicht ausreichend gewürdigt. Dass dieses Upgrade seiner Subroutinen zu einem gefährlichen Fehler führt, merkt er erst, als es fast zu spät ist. In „Rätsel“ (6.06) wird Tuvok von unsichtbaren Aliens angegriffen, verliert zeitweise sein Gedächtnis und entwickelt ein ganz neues Wesen mit Vorliebe fürs Kochen, Spaß und Kreativität. Ähnliche Einzelepisoden sind auch B’Elanna, Tom Paris gleich zu Beginn der Staffel gewidmet.
... durchziehen die sechste Staffel und erzeugen so etwas wie Kontinuität zwischen den Episoden. Auf der einen Seite sind da erneut die Borg, die auf verschiedene Weise mit der Voyager-Crew interagieren: Sie treten als Ex-Drohnen auf der Suche nach Individualität auf, die Begegnung mit einem beschädigten Kubus bringt dann gleich vier Borg-Kinder an Bord, die fürderhin Seven am Rockzipfel hängen („Kollektiv“ [6.16]), schließlich wird die ehemalige Drohne von der geheimnisvollen Unimatrix Zero kontaktiert („Unimatrix Zero“ [6.26]), einem „Programmfehler“ im Kollektiv der Borg, der es einigen Drohnen mit speziellen Veranlagungen erlaubt, im Schlaf eine zweite virtuelle Existenz als Individuen zu leben – ein Zustand, den die Borg-Königin natürlich nicht erlauben kann!
Spannender, auch für Fans der TNG, ist der Sprung in den Alpha-Quadranten, wo Reginald Barclay (wir erinnern uns mit Schmunzeln an den verschusselten, Holo-abhängigen Ingenieur der „Enterprise“) besessen versucht, Kontakt mit der Voyager herzustellen, deren virtuelle Crew ihm zur zweiten Familie geworden ist. „Das Pfadfinder-Projekt“ (6.10) erzählt von der Etablierung eines zumindest monatlichen Kontakts mit dem Delta-Quadranten und bringt neben Dwight Schultz auch Marina Sirtis als Counsellor Deanna Troi zurück in eine „Star Trek“-Serie. Beide sind noch einmal in der Folge „Rettungsanker“ (6.24) zu sehen, in der Lewis Zimmerman, der Schöpfer des MHN, im Sterben liegt und der Holo-Doc sich zur Jupiterstation im Alpha-Quadranten transferieren lässt, um seine umfangreiche Expertise in die Waagschale zu werfen. An derlei Episoden merkt man, wie weit weg Voyager doch vom allgemeinen Geschehen des übrigen „Star Trek“-Universums war und ist und wie sehr man sich als Fan – sollte es denn irgendwann eine neue Serie geben – über eine Konzentrierung auf Ereignisse innerhalb der Föderation und des Alpha-Quadranten freuen würde.
... seien abschließend noch hervorgehoben: In „Equinox Teil 2“ (6.01) finden der fragwürdige Captain Ransom und sein Schiff ihr dramatisches Ende, in „Der gute Hirte“ (6.20) wird auf teils augenzwinkernde Weise das Leben einfacher Crewmitglieder vorgeführt, deren Alltag in der Regel so ganz anders verläuft als der der strahlenden Helden auf der Brücke, und in „Lebe flott und in Frieden“ (6.21) treiben ein paar Scharlatane ihr Unwesen, die den sich mittlerweile im Quadranten ausbreitenden guten Ruf der Voyager-Crew ausnutzen, um daraus Profit zu schlagen. Vor allem diese leicht humorvollen Episoden, die einen etwas anderen Blick auf die ideale „Star Trek“-Gemeinschaft werfen, gehören zu den willkommenen „Ausreißern“ der Staffel.
Hinsichtlich der Präsentation der Serie drucke ich einfach den Standardtext ab: Die 26 Episoden sind auf sieben DVDs abgelegt, wobei auf der siebten DVD zusätzlich die Extras untergebracht wurden. Das Boxendesign entspricht der Reihe: rote Hülle, silberner Aufdruck, neckisch „ausgesägte“ Fenster, farblich abgestimmte Pappummantelung im Inneren und lieblos schmale Klarsichthalterungen samt Klebestreifen zur Aufbewahrung der eigentlichen Bildträger. Das Startmenü lässt diesmal ein Bioschiff von Spezies 8472 aus vier Richtungen anfliegen.
Die Specials sind gutes „Star Trek“-Niveau, mit einigen sehr netten Features und einigen eher durchschnittlichen. (Zu Audio- und Textkommentaren sage ich diesmal nix mehr ...)
In „Auf ins Unbekannte: Staffel 6“ (16:48) werden einmal mehr die „wichtigen“ Episoden der aktuellen Staffel herausgepickt und von den Machern kommentiert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen John Savage, der den Captain Ransom gespielt hat, das Pfadfinder-Projekt und die Rückkehr Lieutenant Barclays, die Folge „Tsunkatse“, in der Wrestling-Star The Rock als Showkämpferchampion gegen Seven antritt und dabei vielleicht Blut leckte für seine spätere Karriere in Hollywood, sowie „Die Barke der Toten“, B’Elannas Reise in die klingonische Unterwelt. Gleichermaßen ein Feature „von der Stange“ ist die „Voyager Zeitkapsel: Chakotay“ (11:57 – im Menü von irgendeinem nachlässigen Paramount-Redakteur „Chakotey“ genannt), in der sich erstmals Robert Beltran im Rahmen der „Voyager“-DVDs zu Wort meldet, allerdings in Form alter Interviews, die bestenfalls unterschwellig die Kritik an der Serie durchscheinen lassen, die der Schauspieler an anderer Stelle weitaus offener geübt haben soll. Dritter Reihentitel ist „Roter Alarm! Erstaunliche visuelle Effekte“ (17:10), der uns unter der freundlichen Leitung der üblichen Verdächtigen Dan Curry und Ronald B. Moore in die Trickabteilung der „Voyager“-Produktion mitnimmt. Dabei fällt auf, dass das Feature, das sich fast ausschließlich CGI- und Bluescreentechniken widmet, sowohl Episoden der aktuellen als auch der fünften Staffel aufgreift, in deren Bonusmaterial „Roter Alarm!“ ausgefallen war.
Sehr schön sind die drei „Sonderfeatures“ gelungen. „Ein kleiner Schritt: Eine Marsbegegnung“ nimmt die Folge „Ein kleiner Schritt“ (6.08) und deren fiktive, historische Marslandung zum Anlass, das Schulprogramm der „Planetary Society“ vorzustellen, die sich darum bemüht, Wissenschaft und Raumfahrttechnik einer neuen Generation nahe zu bringen und zu deren Advisory Board Members auch Holo-Doc Robert Picardo zählt. Dem vielseitigen Vaughn Armstrong ist das zweite Gaststar-Profil der DVD-Reihe gewidmet. Armstrong, Fans als Admiral Forrest aus „Enterprise“ bekannt, mimte so ungefähr jede namhafte Alienrasse des „Star Trek“-Universums: Er war Klingone, Cardassianer, Romulaner, Vidiianer und Borg und zweifelsohne in jeder Rolle eine Bereicherung für die Serie – wenngleich manche seiner Auftritte kürzer waren, als die Zeit davor in der Maske, wie er grinsend gesteht. Zuletzt gibt uns Geoffrey Mandel in „Kartographie der letzten Grenze“ einen Überblick über die Entstehung und den Aufbau seines „Star Trek“-Sternenatlas, ein unglaublich aufwändiges Projekt und ein Versuch, aus allen Referenzen aller bestehenden Filme und Serien so etwas wie eine konsistente astrographische Repräsentation des „Star Trek“-Universums zu schaffen. Wenngleich sein Schöpfer auch nur 80% mit dem Ergebnis zufrieden ist, kann man den höchst informativen, farbenprächtigen Atlas echten Fans nur ans Herz legen. (Und das schreibe ich nicht, weil er zufällig beim HEEL-Verlag auf deutsch erschienen ist!)
Eine Bildergalerie und drei DVD-Werbetrailer für die Classic-, TNG- und DS9-Boxen schließen das Feature-Programm ab. Zudem verstecken sich fünf Easter-Eggs mit kurzen Anekdoten in der Hülle des Bioschiffes im Menü, in denen beispielsweise Tim Russ seinen Hut vor all den Borg- und Hirogen-Darstellern zieht, nachdem er für „Unimatrix Zero“ hat miterleben müssen, wie es sich so in Ganzkörperanzügen schauspielert, und LeVar Burton mit leichtem Erschauern feststellt, dass die „Voyager“-Sets praktisch überall exakt dort errichtet wurden, wo er einst als Geordi LaForge durch die Gänge und Räume der „Enterprise-D“ gewandelt war.
Nach den zwei starken vorherigen Staffeln war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich das Niveau wieder etwas senken würde. Die sechste „Voyager“-Staffel fällt ein wenig zurück in den „Star Trek“-Trott aus „Konflikt des Tages“ und „Moral von der Geschicht“, allerdings auch hier durchaus durchbrochen von einigen sehr sehenswerten Einzelepisoden. Die Features gefallen überwiegend, obschon sie nach wie vor von dem hervorragenden Bonusmaterial der Movie-Special-Editions in den Schatten gestellt werden. Alles in allem eine solide Box zu zugegeben recht hohem Preis, wer die Qual der Wahl hat, sollte allerdings sein Augenmerk auf die zwei zuletzt erschienen richten.