Sie gehörten zu einem deutschen Weihnachtsfest wie der Tannenbaum, der Nikolaus oder Spekulatius: Die Adventsvierteiler des ZDF. Aufwendig produzierte Abenteuerspielfilme in vier Teilen á 90 Minuten. Sechszehn dieser Miniserien wurden zwischen 1964 und 1983 produziert, mit Einschaltquoten zwischen 40 und 60 Prozent erreichten sie Werte, von denen Programmmacher heute nicht einmal mehr zu träumen wagen.
Nach und nach sollen nun alle Großproduktionen auf DVD veröffentlicht werden. Den Anfang machte vor über einem Jahr bereits „Der Seewolf“, die große Jack-London-Produktion, die durch eine einzige Szene Fernsehgeschichte schrieb: Jene Szene, in der Hauptdarsteller Raimund Harmstorf eine rohe Kartoffel in seiner Hand zerquetscht. Gut, später kam heraus, dass die Kartoffel gekocht gewesen ist, aber Mythos bleibt Mythos. Über die großartige Ausstattung des Vierteilers, die geschliffenen Dialoge, die Spannung oder das tragische Ende, daran erinnert sich heute kaum mehr jemand. Aber die Kartoffel...
Vater der Vierteiler war der deutsche Produzent Walter Ulbrich. Anfang der 60er Jahre klopfte er mit seinem Konzept an die Türen des ZDF, wo er zunächst nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wurde. Nicht die Idee als solche wurde in Frage gestellt. Ulbrichs Idee, große Abenteuerwerke so werkgetreu wie möglich zu verfilmen, in epischer Breite, ohne allzu viele Kürzungen vorzunehmen, kam an. Aber wer sollte ein solches Vorhaben bezahlen? Kino war Kino, Fernsehen Fernsehen. Ulbrich aber wollte Kinoqualität fürs Wohnzimmer produzieren – und das gleich in Serie. Der 1910 in Neuburg an der Donau geborene Fernsehmacher war nicht dumm und übertrug ein Prinzip des europäischen Kinos aufs TV: Das der internationalen Co-Produktionen. Er interessierte zunächst das französische Fernsehen für sein Projekt – und fand in Frankreich begeisterte Fernsehredakteure. Später wurden Vierteiler auch mit österreichischen, kanadischen oder gar australischen Co-Produzenten verwirklicht.
Am 3. Oktober 1964 wurde der erste Teil von „Robinson Crusoe“ ausgestrahlt. Der Vierteiler war noch in schwarzweiß gedreht worden und wurde im Herbst ausgestrahlt. Streng genommen wird der Begriff „Adventsvierteiler“ erst seit der dritten Produktion, „Die Schatzinsel“, verwendet, deren erster Teil am 25. Dezember 1966 ausgestrahlt wurde. Und dass diese dritte Serie überhaupt entstanden ist, darf als Glückfall der deutschen Fernsehgeschichte bezeichnet. Nach dem Erfolg von „Robinson Crusoe“ wollte das französische Fernsehen als nächsten Vierteiler „Don Quichote“. Ob dies nun ein Klassiker der Weltliteratur ist hin oder her: „Don Quichote“ ist in Deutschland etwa so populär wie eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. So lief der Vierteiler nur mittelprächtig – und hätte sich „Die Schatzinsel“ nicht bereits in Produktion befunden, wäre das Aus vielleicht schneller gekommen als gedacht. Doch dann kam „Die Schatzinsel“ – und ein Kult ward geboren. Großes Abenteuer, überbordende Ausstattung, Emotionen, Action.
„Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ machte die heute längst vergessenen, damaligen Jungdarsteller Roland Demongeot und Marc di Napoli 1968 zu großen Teenie-Stars, Helmut Lange wurde mit „Die Lederstrumpf-Erzählungen“ 1969 eine TV-Star und Raimund Harmstorf wurde zur Legende. Er ist übrigens der einzige Schauspieler, der zweimal die Hauptrolle eines Vierteilers verkörperte, 1973 nämlich stand er für die Titelrolle in „Michael Strogoff“ vor der Kamera.
Ende der 70er Jahre nahm vor allem das Interesse des jugendlichen Publikums an den Großproduktionen ab, Weihnachtsserien wie „Tim Thaler“ stießen bei dieser Zielgruppe inzwischen auf mehr Interesse als die Adventsvierteiler mit ihren klassischen Abenteuergeschichten. Und mit zehn Millionen Mark Produktionskosten brauchte es eine ganze Armada von Co-Produzenten, um das finanzielle Risiko gering zu halten. Mit „Der Mann von Suez“ endete dieses Stück Fernsehgeschichte 1983.
Dass „Der Seewolf“ bereits vor einem Jahr erschienen ist, aber erst jetzt die anderen Filme nach und nach veröffentlicht werden, liegt an der oft komplizierten Vertragslage. Aufgrund der Vielzahl verschiedener Produzenten ist beispielsweise nicht immer klar, bei wem welche Rechte heute liegen, denn viele Rechteinhaber leben nicht mehr, ihre Firmen sind in anderen Produktionsfirmen aufgefangen, gingen insolvent oder aber Rechte wurden weiterverkauft.
Buchtipp
Oliver Kellner und Ulf Marek: „Seewolf & Co.“. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2005
Bereits auf DVD erschienen sind „Der Seewolf“, „Die Schatzinsel“, „Lockruf des Goldes“, „Die Lederstrumpf-Erzählungen“, „Robinson Crusoe“. Für 2006 sind noch geplant „Michael Strogoff“, „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“, „Don Quicote von der Mancha“ und eine nochmals digital überarbeitete Fassung von „Der Seewolf“. (alle Titel bei Concorde Home Entertainment).