Space-View Rezension :: Twin Peaks Season 2.1

J’ai une ame solitaire

Twin Peaks Season 2.1

Der Wald war kalt als Laura Palmer starb. Kalt und rücksichtslos. Er schaute fort, während die beliebte Highschoolschönheit grausam verendete – genauso wie er schon all die Jahre davor Mantel des Schweigens für andere grausame Dinge war. Es ist etwas im Busch dort draußen in Twin Peaks, jener Kleinstadt inmitten von Douglasfichten, von rauschenden Wasserfällen und gutbürgerlichen Forstarbeitern. Etwas Unbekanntes, Böses scheint sich inmitten der Wälder zu verbergen, hat sich vielleicht sogar schon in die Gemeinde geschlichen, Bürger kompromittiert. Selbst der örtliche Sheriff spricht unverblümt wenn auch eher ratlos von einem nicht näher greifbaren „evil in the woods“. Doch die Gemeinschaft der vermeintlich Rechtschaffenen ist gewillt, diesem Unbekannten etwas entgegenzustellen. Das örtliche Sheriffs Office, ein wackerer FBI-Agent und Lauras Freundeskreis nehmen den schließlichen Mord an der jungen Laura Palmer zum Anlass, dem Geheimnis von Twin Peaks auf den Grund zu gehen. Zu ihren Waffen zählen Kirschkuchen, Zenmeditation und some damn fine coffee. Mit Paramounts DVD-Veröffentlichung der ersten Hälfte von Staffel 2 der David Lynch-Serie der frühen 1990er kehrt ein Klassiker auf unsere Bildschirme zurück, der bis heute nichts an Faszination verloren hat. Noch immer prägt er das Serienfernsehen.

Verschollen im Wald
„I haven’t got a clue what’s going on, but I like it,“ urteilte einst Homer Simpson über „Twin Peaks“. In einer Episode der Cartoonserie „The Simpsons“, jenem kontinuierlich abflachenden Satirefest im US-TV, stolperte der tumbe Familienvater beim abendlichen Zappen auf eine Ausstrahlung der Lynch-Serie. Zwar konnte er dem Inhalt nicht folgen, wurde von der Atmosphäre der Serie selbst aber so in ihren Bann gezogen, dass es ihm auf narrative Kohärenzen schnell nicht mehr ankam: „But I like it.“
Ähnlich dürften sich auch die Käufer der aktuellen DVD-Box von Paramount Home Entertainment fühlen. Immerhin ist es bereits vier Jahre her, seit die vermutlich einflussreichste TV-Serie der jüngeren Vergangenheit ihren Siegeszug auf DVD antrat. Die sieben Episoden umfassende erste Staffel kam im November 2002 auf den deutschen Markt, überzeugte durch gelungene Ausstattung, unterhaltsam-schräges Bonusmaterial (bei Lynch-Werken alles andere als selbstverständlich) und natürlich durch die exquisite Serie selbst. Vier Jahre folgten, in denen Fans, Cineasten und Filmwissenschaftler weltweit vergebens darauf warteten, dass Paramount die begonnene Publikation fortsetzte. In denen sie sich fragten, wer denn am Ende von Staffel 1 auf den unkonventionellen FBI-Agenten Dale B. Cooper (Kyle MacLachlan) geschossen hatte, der mit der Aufklärung des Mordes an Laura Palmer beauftragt war. Würde er die Verletzung überleben? Erst langwierige Rechtsstreitigkeiten und eine kreative Beteiligung von David Lynch selbst später kam wieder Leben in das pausierende DVD-Projekt, dass nun mit Staffel 2.1 fortgesetzt wird und den Zuschauer sofort wieder mitten ins Geschehen wirft. Und man merkt, dass so viel Zeit vergangen ist.
Das liegt nicht allein am eigenen Gedächtnis, das sich mitunter erst mühsam wieder in die Vorgeschichte eindenken muss (nochmals: Staffel 2 erscheint vier Jahre nach Staffel 1!). Es liegt auch an der Ausstattung der neuen Publikation, die im direkten Vergleich zum Vorläufer eher lieblos geworden ist.

The Case of the Missing Bonusmaterial
Staffel 1 hatte Interviews mit den Schauspielern, dem Co-Creator Mark Frost, sogar einen kleinen Kurs im Rückwärtssprechen (fragt nicht!). Es hatte Texttafeln, eine animierte Menüführung mit unterlegtem Soundtrack, ein Booklet und und und. 2.1 hat – nichts. Nichts außer den Serienfolgen selbst.
Natürlich ist dies verschmerzbar, geht es doch ohnehin primär um die Serie allein. Doch in einem Punkt ist Paramount schon ein kleiner Vorwurf zu machen: Die Log Lady-Intros fehlen! Zur Erläuterung: Für eine erneute Ausstrahlung der gesamten Serie auf dem Sender BRAVO drehte David Lynch nachträglich kurze Einführungsszenen zu den einzelnen Episoden. In diesen erging sich Log Lady-Darstellerin Catherine Coulson in teils kryptischen, teils sinnfreien Äußerungen über das kommende Seriengeschehen. Die DVD-Box zu Staffel 1 hatte diese Fan-Raritäten zu jeder Episode parat, Staffel 2.1 fehlen sie gänzlich. Sehr schade!
Im Oktober plant Paramount die Veröffentlichung einer Twin Peaks-Komplettedition – wobei allerdings noch unklar ist, ob in dieser neben den dann drei Staffelboxen (Staffel 1, 2.1 und die im April erscheinende 2.2) auch der Kinofilm „Fire Walk With Me“ bzw. „Twin Peaks - Der Film“ enthalten ist. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn Paramount für diese Komplettbox zumindest die Log Lady-Intros noch nachtrüge.

Zur Box
Nun hat der Wahn der Halfseason-Boxes also auch „Twin Peaks“ erreicht. Mehr noch: Neben der leider gängig gewordenen halbierten Veröffentlichung der Staffel ist für den Herbst sogar schon ein Komplettset angekündigt, auf welches sich derzeit die Hoffnungen der Fans weltweit konzentrieren – immerhin steht zum Kinofilm „Fire Walk With Me“ noch etwa eine Stunde an Deleted Scenes aus, für die aficionados seit Jahren kämpfen.
Doch zunächst begnügen wir uns mit Staffelbox 2.1 – und dort gibt es einiges zu entdecken. Das Bild der Serie war selbst zu Zeiten der deutschen TV-Erstausstrahlung auf RTLplus (und später dem ehemaligen Tele5) vermutlich nicht so klar, scharf und kräftig, wie es nun dank dieser DVD erscheint. Selbst die vorhergehende Box hatte kein so überzeugendes Bildmaterial. Herrlich! Leider lässt sich über den Ton das genaue Gegenteil sagen. Nachdem die Serie jahrelang in den Kirch-Archiven verstaubte, so die Auskunft der deutschen Paramount-Dependance, war die deutsche Tonspur schlicht unzumutbar geworden. Aufwendige Digitalisierungsarbeiten später hat man zumindest noch notdürftig restaurieren können, was ansonsten zu einer kompletten Neusynchronisation geführt hätte. Und dennoch: Die deutsche Mono-Tonspur ist eine kleine Schande. Die Dialoge zu laut, der Gitarrensoundtrack Angelo Badalamentis zu leise – selbst Zuschauer, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, sollten sich den Spaß erlauben und sich eine Szene mal in Deutsch und dann in Englisch ansehen. Der in Dolby 5.1 vorliegende Originalton ist so klar und kräftig wie das Bildmaterial!
Zur Optik: Hier zeigt sich angenehme Homogenität. Die drei DVDs umfassende Box ähnelt dem Layout des Vorgängers und passt wunderbar neben ihn ins DVD-Regal. Die Fotocollage auf dem Cover (und dem Schiebecover) führt bereits atmosphärisch ins Serienuniversum ein und featured diesmal den von Kyle MacLachlan dargestellten Dale Cooper. (Es bleibt zu hoffen, dass der derzeit durchs Netz geisternde Coverentwurf zu Box 2.2, welcher Shelley Johnson bzw. Darstellerin Mädchen Amick zeigt, nur ein Photoshop-Scherz ist – es gibt weitaus wichtigere Charaktere!)

Versuch eines Fazits
Wie resümiert man etwas so großes wie die endliche Fortsetzung der Twin Peaks-DVDs? Nach vier Jahren Wartezeit waren die Erwartungen der großen Fangemeinde immens; die vorliegende Box liefert jedoch nur Episode 8 bis 18 der Serie und entführt uns abermals in die dunklen, rauschenden Wälder an der kanadischen Grenze. Wir begegnen Helden und Schurken, mythischen Erscheinungen und einer alten Nemesis. Diese Episoden beinhalten zugleich das beste und schlechteste aus den beiden Staffeln Twin Peaks, halten sich hier doch der tragisch-komische Serientenor und die z.t. misslungenen Versuche, die narrative Struktur der ursprünglichen Erzählung auszuweiten, gelungen die Waage. „Twin Peaks“ von David Lynch und Mark Frost ist bis heute eine der einflussreichsten Fernsehserien in der Geschichte des Mediums TV und beeinflusst aktuelle Serien wie „Lost“ spürbar und bewusst. Wenn es stimmt, dass das US-Serienfernsehen derzeit ein goldenes Zeitalter erlebt, so liegen hier dessen Wurzeln: tief in den von Intrigen, Traurigkeit und Liebe gezeichneten Geschehnissen in Twin Peaks, einer scheinbar harmlosen Kleinstadt im ländlichen Amerika. In Lynchville.

geschrieben von: Christian Humberg