George Lucas meinte über „Star Wars: Episode 1“, mehr als die Hälfte aller Sets und aller Charaktere des Films seien nicht real, sondern virtuell. Das computergenerierte Bild ist längst nicht mehr nur ein Special Effect, es ist ein Werkzeug des Filmemachers, so wie die Kamera oder das Mikrofon.
Einfluss auf die Drehbücher
Die Autoren von „Star Trek: The Next Generation“ wollten noch im Finale der sechsten Staffel eine Bruchlandung der Enterprise D auf einem Planeten zeigen. Doch die Abteilung für Spezial-Effekte gab zu bedenken, dies sei für eine Serie viel zu teuer, und das Ergebnis würde niemandem gefallen. Die Inhalte von Fernsehserien werden mehr noch als die von Kinofilmen von der Machbarkeit und dem verfügbaren Budget bestimmt. Die neuen Möglichkeiten, die der Einsatz computergenerierter Bilder liefert, verändern daher nicht nur die Qualität der Spezial-Effekte, sie haben vielmehr unmittelbaren Einfluss auf die Drehbücher. Die Autoren wagen sich heute an Ideen heran, die noch vor wenigen Jahren als „nicht umsetzbar“ abgelehnt worden wären. So durfte die Voyager nur sechs Jahre später auf einem Eisplaneten zerschellen.
Teure Anfänge
Noch vor wenigen Jahrzehnten faszinierte an Computerbildern, was heute vielfach als Nachteil empfunden wird: die glatten Oberflächen und die „cleane“ Ästhetik. Computer schaffen eine Welt der perfekten Kanten und Muster. Doch Computersimulationen gehörten damals in jeden Science-Fiction-Film, der etwas auf sich hielt, und sie sollten daher auch so aussehen. Oft ersetzte ein sorgfältiger Zeichenstift das, was dann als Computergrafik verkauft wurde, denn digitale Bilder waren immens teuer. Klar, dass etwas, das sich schon Kinofilme mit einem Millionenbudget nicht leisten mochten, für Fernsehserien gar nicht denkbar war. Dort sah man Computergrafik allenfalls für wenige Sekunden in Werbespots oder Pausenanimationen. 1984 machte die ARD noch von sich reden, weil sie für 100.000 Mark eine nur wenige Sekunden andauernde Computersequenz mit der „ARD-Eins“ in Auftrag gegeben hatte. Eine derartige grafische Spielerei würde heute niemanden mehr interessieren oder gar beeindrucken.
Erster Computer-Fernsehstar: Max Headroom
1982 gab der amerikanische Musiksender MTV einen computeranimierten Kopf in Auftrag, der als Pausenfüller zwischen Videoclips diente. Drei Jahre später folgten ein TV-Film und eine Serie. Der kanadische Darsteller Matt Fewer musste täglich eine fast fünfstündige Prozedur über sich ergehen lassen, um unter vielen Latexschichten diesem glatten Computerwesen zu ähneln. Aus heutiger Sicht paradox: Mit Maskentechnik wurde eine Computersimulation simuliert.
Fernsehfiguren morphen
1991 konnten Kinozuschauer sich im Film „Terminator 2“ von der neuen Technik des „Morphings“ beeindrucken lassen. Dabei verwandelte sich ein Flüssigroboter mit Hilfe des Computers stufenlos von einer Figur in eine andere. Bald wurde diese Technik von der Werbeindustrie übernommen. Nur zwei Jahre danach nutzte „Star Trek“ diesen Effekt innerhalb einer Fernsehserie: Man erschuf für „Star Trek: Deep Space Nine“ den Gestaltwandler Odo als Hauptfigur. Odos Verwandlungseffekt war damals noch so teuer, dass Odo höchstens einmal pro Episode „morphen“ durfte, dann war das dafür eingeplante Budget verbraucht. Bereits vier Jahre später war dieser Effekt so billig geworden, dass sich sogar eine Low-Budget-Serie wie „Buffy: Im Bann der Dämonen“ mehrere Vampirverwandlungsszenen mit der Morphing-Technik leisten konnte.
Geld sparen mit CGI
Als Fernsehautor Joe Michael Straczynski zu Beginn der 90er Jahre mit seiner Idee einer neuen Science-Fiction-Serie bei den TV-Studios hausieren ging, interessierten sich die Verantwortlichen weniger für die Inhalte, sondern für das einzuschätzende Budget. Da kam ihm Ron Thornton, Begründer der Effekte-Firma „Foundation Imaging“, zur Hilfe. Thornton konnte demonstrieren, dass sich die Kosten inzwischen für die optischen Effekte von Raumschiffaufnahmen bei Verwendung eines Computers auf ein Drittel des sonst üblichen Budgets senken ließen. Diese Bilder waren zwar damals wie heute auf den ersten Blick als „synthetisch“ zu erkennen, sie lieferten aber Freiheiten, wie sie im Rahmen einer Fernsehserie mit Modellaufnahmen niemals oder nur mit immensen Kosten zu verwirklichen gewesen wären. Neu war nicht die Idee, Computergrafik zu benutzen, neu war, es mit Hilfe dieser Technik billiger zu machen. Denn bis dahin waren Computergrafiken teuere Spielereien, mit denen man prahlen konnte. In dem zur gleichen Zeit gedrehten Film „Jurassic Park“ wurden die Computersaurier eingesetzt, weil sie besser aussahen als klassische Miniatur-Aufnahmen, nicht, weil es billiger war. Im Gegenteil, diese Szenen waren so kosten- und zeitintensiv herzustellen, dass sie auf wenige Minuten begrenzt und mit klassischen Tricksequenzen ergänzt werden mussten.
Computergrafik wird Standard
Schnell machte es die Runde, dass Joe Michael Straczynski der Computergrafik verdankte, ein Studio zu finden, das bereit war, seine Serie „Babylon 5“ zu finanzieren. Vier Jahre später übernahm „Foundation Imaging“ einen Auftrag für „Star Trek: Voyager“ und kreierte für die Episode „Kampf ums Dasein Teil 2“ ein „Wurmmonster“. Dabei zeigte sich, dass man auch die Darstellung von Fabelwesen nicht länger dem Kino überlassen musste. Mitte der neunziger Jahre gab es einen regelrechten Boom von Fantasy-Serien wie „Hercules“ (1994 - 1999), das Spin-off „Xena“ (1995 - 2001) und „Sindbads Abenteuer“ (1996 - 1998). Alle machten reichlich von der Möglichkeit Gebrauch, die Serienhelden gegen Fantasy-Monster aus dem Rechner antreten zu lassen.
Star Trek goes CGI
In den neunziger Jahren wurde eine ganze Reihe von Science-Fiction-Serien produziert, und fast alle setzten nun auf die Computertechnik, darunter „Space 2063“ und „Seaquest“. Nur bei „Star Trek“ wollte man die klassischen Raumschiffmodelle nicht durch Computerbilder ersetzen, solange die Zuschauer den Unterschied sehen konnten. Denn es hätte zu den bisherigen Bildern einen Stilbruch erzeugt. Ira Steven Behr, Ausführender Produzent von „Deep Space Nine“, setzte sogar bis zum Ende der Serie fast ausschließlich auf Modellaufnahmen. Nur kleinere Schiffe im Hintergrund durften hin und wieder aus dem Computer stammen. Bei „Star Trek: Voyager“ fing man an, vermehrt Computergrafiken zu benutzen, wenn eine Umsetzung anders nicht möglich war. Den endgültigen Umschwung jedoch sollte erneut Ron Thornton veranlassen. Als Douglas Netter, Co-Produzent von „Babylon 5“, die Firma „Netter Digitals“ gründete und mit einigen abgeworbenen Mitarbeitern von „Foundation Imaging“ selbst für die Effekte von „Babylon 5“ sorgte, musste sich Ron Thornton nach neuen Betätigungsfeldern für seine Firma umsehen. Daraufhin wandte sich Thornton an die „Voyager“-Produzenten und bettelte – wie er selbst sagt – regelrecht um Arbeit.
Computerwesen gegen die Borg
Der Zeitpunkt war günstig, denn „Star Trek: Voyager“ suchte zum Ende der dritten Staffel nach neuen Möglichkeiten, die Serie in einem anderen Look zu präsentieren und den Actionanteil zu erhöhen. Dan Curry, verantwortlich für die Spezial-Effekte von „Star Trek: Voyager“, überredete die Produzenten, neue Aliens einzuführen, die vollständig aus dem Computer stammten. Der Vorschlag führte schließlich zu der Idee, im Finale der dritten Voyager-Staffel die Borg mit einem überlegenen Gegner zu konfrontieren: der computergenerierten „Spezies 8472“, die von „Foundation Imaging“ realisiert wurde. Zu dieser Zeit setzte man auch häufiger eine Voyager aus dem Computer ein. Die Technik war so perfekt, dass man die CGI-Voyager nicht mehr von den Modellaufnahmen unterscheiden konnte.
Um neue Welten sehen zu können
Die meisten Science-Fiction-Serien spielen in einem Raumschiff oder einer Raumstation, wo die Leute allenfalls durch ein Fenster ins dunkle All sehen können. Der Grund ist einfach: Das TV-Budget reicht oft nicht, um kolossal-futuristische Welten zu zeigen. Erst George Lucas führte 1999 die enormen, fast endlosen Möglichkeiten computergenerierter Bilder vor Augen. Er motzte die alten „Star Wars“-Klassiker nachträglich auf, weil er mit den Planetenbildern nie wirklich zufrieden gewesen war, und lieferte mit „Episode 1“ ein Spektakel, das zur Überraschung vieler weitgehend auf Weltraumbilder verzichtete und sich auf die Darstellung phantasievoller Welten konzentrierte. Das Fernsehen hinkte dem wieder einmal gehörig hinterher. Auch hier leistete „Babylon 5“ die ersten Pionierarbeiten in Sachen virtuelle Kulissen, darunter die Welt der Schatten und der hohle Innenraum der Station mit einem virtuellen Aufzug entlang der Achse. Besonders in der fünften Staffel wurde damit experimentiert, die Darsteller ausschließlich vor einer Blue-Screen-Wand agieren zu lassen und erst nachträglich am Computer Hintergrundkulissen einzufügen. Inzwischen sieht man diese Technik auch in Serien wie „Enterprise“ oder „Firefly“, verglichen mit den Errungenschaften des Kinos stecken die Fernsehserien allerdings eher noch in Kinderschuhen.
Computerbilder im Zeichentrick
Der Zeichentrick ist so alt wie die Erfindung des Films, doch die Technik blieb über Jahrzehnte hinweg gleich. Man zeichnet von einer Figur 24 Bilder pro Sekunde, überträgt die Konturen auf eine Folie, malt die Umrisse aus und legt sie auf einen Hintergrund. Das Bild wird abfotografiert, und fertig ist eines von vielen Einzelbildern, die aneinander gereiht einen Film ergeben. Erst 1990 nutzten die Disney-Studios für den Film „Bernard und Bianca im Känguruland“ erstmals den Computer, um mehrere Arbeitsschritte zu ersetzen. Ab diesem Zeitpunkt gab es keine bemalten Folien mehr. Die Figurenumrisse wurden am Rechner eingescannt, per Mausklick koloriert und mit einem zum Teil virtuellen Hintergrund kombiniert. Fast zeitgleich sollte diese Methode auch die fürs Fernsehen produzierten Zeichentrickserien revolutionieren. Zuvor wurden fast alle Trickfilmserien mit der von den Zeichentrickproduzenten Bill Hanna und Joe Barbera entwickelten Technik der „Limited Animation“ erstellt. Bei dieser Methode setzt sich eine Figur aus mehreren Folien zusammen, wobei immer nur ein Teil der Figur bewegt wird, während der Rest statisch bleibt. Es muss also nicht nur weniger gezeichnet, sondern auch weniger koloriert werden. Da nun der Rechner diese Arbeitsschritte beschleunigt, ist Bewegung in Trickfilmserien keine Utopie mehr. Den Anfang der neuen Trickseriengeneration setzten 1990 die „Tiny Toons“, die fast so gut waren wie die einst fürs Kino produzierten Cartoon-Klassiker. Es sollten noch viele Cartoonserien auf verblüffend hohem Trickfilmniveau folgen.
Das Potenzial des Computers
„Babylon 5“ war in seiner konsequenten Verwendung von computergenerierten Bildern fortschrittlich. Die Serie erweckte aber lange Zeit den Eindruck, Computerbilder seien vor allem etwas für die, die sich bessere Techniken mangels Budget nicht leisten können. Es führte zu der weit verbreiteten Ansicht, mit der klassischen Tricktechnik wären die Effekte zwar teurer, aber eben auch viel besser. Das brachte den Einsatz des Computers ein wenig in Misskredit. Dank voranschreitender Perfektion und des in den Himmel reichenden Standards des Kinos geht es heute beim Einsatz des Computers längst nicht mehr nur darum, Kosten zu sparen. Serien wie „Star Trek: Enterprise“ oder „Stargate“ nutzen inzwischen die ganze Bandbreite der Computergrafik, um virtuelle Welten und Aliens entstehen zu lassen, die besser aussehen als die klassischen Matte Paintings oder maskierte Schauspieler. Die Frage scheint nicht mehr zu sein: „Geht das mit dem Computer auch billiger?“ Die Frage ist: „Wie können wir die Möglichkeiten des Computers noch weiter ausreizen?“ Ein schönes Beispiel ist die Zeichentrickserie „Futurama“, die gekonnt handgemalte Bilder mit computergenerierten Gegenständen kombiniert, um die überbevölkerte und dadurch auch „überanimierte“ Futurama-Welt mit all den verwirrenden Details so perfekt wie möglich darstellen zu können.
Es muss echt aussehen
Der Computer dringt immer mehr in den Bereich der Spezial-Effekte ein, der am schwersten gilt, nämlich dort, wo der Zuschauer idealerweise gar keinen Trickeffekt vermutet und daher auch keinen erkennen darf. In der Serie „Smallville“ zu Beispiel wurde mit Hilfe von Computerbildern für den Pilotfilm ein Maisfeld generiert, wo gar keines vorhanden war, weil zu einer winterlichen Jahreszeit gedreht wurde. Der Zuschauer sollte aber gar nicht merken, gerade einen Effekt gesehen zu haben. Tricks dieser Art werden in nahezu allen Serien alltäglich. Wir sollen glauben, dass sich Sydney Bristow aus „Alias“ in Rom aufhält und dass die Filmcrew für eine kurze Szene eigens ins Ausland fuhr. Tatsächlich wurde aber mit Hilfe des Computers im Hintergrund getrickst. In der Agentenserie „Kobra, übernehmen Sie“ (1966 - 1973) reisten die Geheimagenten noch in unbekannte Länder, um die Einheitskulissen des Studios verwenden zu können. Es gab eben noch keinen Computer, der ihnen zu einem Ausflug nach Rom hätte verhelfen können.
Die Zukunft
Die Entwicklung ist unaufhaltsam: Computerbilder werden künftig auch in Serien mehr und mehr real gefilmte Szenen ersetzen. Zugleich verlieren frühere Filmsensationen wie Raumschlachten, Naturkatastrophen oder Massenszenen allmählich an Wirkung, wenn wir als Zuschauer wissen, dass es dank des Computers immer einfacher wird, solche Szenen darzustellen. Dann wird die Zeit kommen, in der es nicht mehr möglich ist, Drehbuchschwächen mit Effekten zu kaschieren. Und dann hätte der Computer kurioserweise den letzten Schritt erzwungen, um Filmen und Serien zu mehr Originalität zu verhelfen.
| geschrieben von: Thomas Höhl | | |
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